"Presse"-Kommentar: Eine Woche Olympia oder: Das große Japsen (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 25. Februar 2006

Wien (OTS) - Die Gleichzeitig von Medaillenregen und Doping-Krimi war einfach zu viel - auch und vor allem für den ORF.
Die Kombination aus Sport und Politik gehört zu den Lieblingsthemen der Soziologen, Politologen und Journalisten, also all jener hauptberuflichen Beobachter des gesellschaftlichen Lebens, deren Gemeinsamkeit in einem hohen Maß an empirischer Unzuverlässigkeit, moralischer Urteilsstärke und prognostischer Unverfrorenheit besteht. Uns allen hätte nichts Besseres passieren können als die Gleichzeitigkeit von Medaillenjubel, Doping-Grusel und politischer Inszenierung von Politik, die in der vergangenen Woche die mediale Wirklichkeit des Landes prägten. Und man kann uns wirklich nicht vorwerfen, dass wir uns nicht sofort durch dieses window of opportunity hinausgeworfen hätten.
Die erfolgreichsten olympischen Winterspiele aller Zeiten, ein Doping-Verdachtsfall mit höchster internationaler Aufmerksamkeit:
Jedes der beiden Ereignisse hätte schon für sich allein das Zeug gehabt, die österreichische Öffentlichkeit an den Rand der patriotischen Hyperventilation zu treiben. Aber beides auf einmal, das war irgendwie einfach zu viel. Kein Wunder also, dass diese tägliche Gleichzeitigkeit von Medaillenseligkeit und Doping-Horror bei den Leitmedien des Landes, dem ORF und der Kronen Zeitung, sehr schnell das große Japsen ausgelöst hat.
Beim staatlichen Rundfunk war die Atemnot so groß, dass der Sender sozusagen schwarz angelaufen ist. Das äußerte sich darin, dass es sogar den Bundeskanzler, der angesichts weniger aufwühlender Ereignisse wie Koalitionskrisen oder Kulturkämpfen eher nicht so sehr zur offensiven Zurschaustellung seiner Gedankenwelt neigt, dazu drängte, via Live-Sendung seine Direktiven im Umgang mit mutmaßlichen Dopingsündern zu erteilen.
Natürlich könnte der erfahrene Konsument österreichischer Sportberichterstattung diese Woche wie so viele Sportwochen davor mit der Frage "Na und?" abtun: Wer Dutzende Male mitanhören musste, warum eine unter jeder Kritik spielende Nationalmannschaft sich ein Unentschieden irgendwie doch verdient hätte, wer sich an das brachial-mythologische Vokabular gewöhnt hat, mit dem die sportlichen Darbietungen des Salzburger Edelmaurers Hermann Maier üblicherweise begleitet werden, wer noch nach einem Jahrzehnt die Begründungen auswendig hersagen kann, mit denen uns die ORF-Kommentatoren erklären wollten, dass die schreiende Uneleganz des besten österreichischen Tennisspielers aller Zeiten etwas mit der inneren Schönheit der Selbstüberwindung zu tun hätte - kurz: Jeder ORF-Sportseher dürfte eigentlich nicht überrascht gewesen sein.
Womit könnte es also zu tun haben, dass der Nachgeschmack dieser Berichterstattungswoche eine Spur bitterer ist als sonst?
Am ehesten liegt es wohl daran, dass die Distanzlosigkeit des ORF in Sachen Sport und Sportberichterstattung, die man sonst vielleicht unter dem Titel "sportlicher Hurra-Patriotismus" großzügig ignoriert, sich zum unguten Verdacht der Totalfusion zwischen Sport-, Politik-, und Fernsehwelt verdichtet hat. Man mag schon in vielen Einzelfällen den Eindruck gehabt haben, dass sich, wenn man die Berichterstattung in den Sport- und Society-Sendungen verfolgt, nicht mit letzter Sicherheit sagen lässt, ob es sich bei Elmar Oberhauser um einen Fernsehmann oder um ein Mitglied des ÖFB-Präsidiums handelt. Man mag gelegentlich darüber gemäkelt haben, wie ungeniert Politiker in Kumpelmanier erfolgreichen Sportlern um den Hals fallen, als habe man die schönsten gemeinsamen Zeiten in der Sandkiste vor Omas Haus verbracht.
Aber diese Woche hat mehr als je zuvor den Eindruck hinterlassen, dass die Sportberichterstattung des ORF mit Journalismus nur mehr sehr am Rande zu tun hat. Zu sehr ist die öffentlich-rechtliche Anstalt offensichtlich auch von ihrem Selbstverständnis her Teil des Systems, über das sie eigentlich berichten sollte. Und zu sehr hat sich auch in dieser Woche der Eindruck verdichtet, dass der ORF sich weniger als Reflexionsorgan der politischen Wirklichkeit versteht denn als relativ frei bespielbare Bühne für die Inszenierung der Regierenden.
Ja, vielleicht war das immer so. Aber jetzt ist es nun einmal so, dass im Sommer eine ORF-Chefin wiedergewählt werden will, die dazu die Regierung braucht, die im Herbst wiedergewählt werden will und dazu den ORF braucht.
Warum man sich darüber aufregen soll? Weil man als Konsument nicht für dümmer verkauft werden will, als unbedingt notwendig.

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