DER STANDARD-Interview "Das war eine Wunde für Alma" von Thomas Trenkler

Der Rückgabebeirat lehnte 1999 aus dubiosen Gründen die Rückgabe eines Munch-Bildes an Marina Mahler ab.

Wien (OTS) - Wien - Die schiedsgerichtliche Entscheidung, nach der die Republik Österreich fünf Gemälde von Gustav Klimt an die Erben nach Ferdinand Bloch- Bauer zu restituieren hat, lässt Marina Mahler, die Enkeln von Gustav Mahler und Alma Mahler-Werfel, wieder hoffen. Denn auch in ihrem Fall hatte der Rückgabebeirat 1999 eine Restitution abgelehnt - und zwar aus grotesken Gründen.

Die Geschichte ist schnell erzählt - und doch ungeheuer kompliziert. Es geht um ein Gemälde von Edvard Munch mit dem Titel Sommernacht am Strand (oder Meereslandschaft mit Mond), das sich seit 1940 im Eigentum der Österreichischen Galerie befindet.

Alma hatte das Werk 1916 zur Geburt von Manon, ihrer Tochter mit ihrem zweiten Ehemann Walter Gropius, geschenkt bekommen: "Kein Bild hat mich jemals in einer Weise berührt wie dieses." Im August 1937 lieh sie mehrere Bilder von Emil Jakob Schindler, ihrem Vater, und das Munch-Gemälde für zwei Jahre der Österreichischen Galerie (ÖG). Am 13. März 1938 musste Alma, nun mit Franz Werfel verheiratet, fliehen.

Molls Machenschaft

Die ÖG hatte wenige Tage zuvor Kontakt mit dem Nationalsozialisten Carl Moll aufgenommen: Der Maler solle seine Stieftochter Alma um die Nennung eines Preises für den Munch ersuchen. Alma aber lehnte ab. Noch im gleichen Jahr, also während der Dauer des Leihvertrages, holte Moll das Werk ohne Vollmacht Almas aus dem Museum. Und im April 1940 verkaufte er es der ÖG über seine Tochter Marie, die mit Richard Eberstaller verheiratet war. Sie dürften vom Endsieg überzeugt gewesen sein und angenommen haben, dass Alma nie mehr zurückkehren werde. Am 10. April 1945 verübten Moll, Marie und deren Mann, Vizepräsident des Landesgerichts für Strafsachen, Selbstmord.

Nach dem Krieg begehrte Alma die Rückgabe. Ihr Anspruch wurde 1948 zwar "grundsätzlich" anerkannt, der Antrag aber abgelehnt. Alma berief, die Rückstellungsoberkommission verfügte 1953 die Restitution: Als Gattin eines Juden sei sie "selbstverständlich" der politischen Verfolgung ausgesetzt gewesen. Zudem wurde bestätigt, dass Moll oder Eberstaller keine Vollmacht von Alma hatten, das Bild zu verkaufen.

Nun berief die Finanzprokuratur - und man gab ihr Recht: Es wurde "angenommen", dass Moll und/oder seine Tochter doch berechtigt waren, über das Gemälde zu verfügen, und dass die ÖG es im guten Glauben erworben hatte (obwohl sie es unterlassen hatte, bei Alma, die 1940 in Paris lebte, nachzufragen).

Eine neuerliche Revisionsbeschwerde wurde 1954 wegen des angeblich zu geringen Streitwertes zurückgewiesen: Alma war furchtbar wütend. Aber sie gab keine Ruhe - und machte in den USA Stimmung gegen Österreich. Angesichts der "impulsiven Art der Einschreiterin" wurden 1958 im Unterrichtsministerium Überlegungen angestellt, wie man die Sache kalmieren könne. Schließlich war man sich sehr wohl einer Schuld bewusst: "Eine Vollmacht konnte nie ausfindig gemacht werden, und keiner der Zeugen hat eine Vollmacht gesehen."

Dieser Akt ist ziemlich ungustiös: Man ventilierte, Alma zu einem Tausch (Munch gegen Schindler-Bilder und Mahler-Partitur) zu bewegen, wusste aber, dass dann erneut Kritik geübt werden könnte: "Ein Unrecht sei durch ein anderes abgelöst worden." Also käme nur eine Schenkung in Frage. Aber nur bei gleichzeitiger Ausfuhrsperre. Zudem sollte Alma gezwungen werden, das Bild Österreich später zu schenken:
Es bliebe "inventarisierter Bestand". Doch zu dem Kuhhandel kam es nicht.

Marina Mahler, Alleinerbin nach Anna Mahler-Joseph, verlangt, dass der ungeheuerliche Fall erneut aufgerollt wird. Und ihr Anwalt, Gert-Jan van den Bergh aus Amsterdam, begehrt Parteienstellung in der nächsten Sitzung des Rückgabebeirats am 29. März. Denn es sei nicht zu akzeptieren, dass nur die Finanzprokuratur in diesem vertreten sei, aber kein Vertreter der Opfer.

Almas Enkelin im Gespräch mit dem Standard: "Die Geschichte meiner Familie ist derart verknüpft mit der Geschichte Österreichs. Dass die Bilder nicht zurückgegeben wurden: Das war eine Wunde für Alma. Österreich sollte Frieden schließen mit uns - auch wegen meines Großvaters Gustav Mahler. Mein Kampf um Gerechtigkeit wird nicht enden! Wenn der Beirat erneut eine negative Entscheidung treffen sollte, ist das für mich Motivation, noch mehr zu kämpfen."

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