"Die Presse" Leitartikel: "Der neue Irak: Schiistan, Sunnistan, Kurdistan? (von Thomas Seifert)

Ausgabe vom 24.2.2006

Wien (OTS) - Der Anschlag auf die Goldene Moschee von Samarra soll den Bürgerkrieg herbeibomben - zerbricht das Land nun?
Ein arabisches Vokabel, das man sich merken sollte: Fitna. Das Wort ist schwierig zu übersetzen, es bedeutet Chaos, Zwietracht, Unruhe, Bürgerkrieg. Und bildet somit die Situation ziemlich genau ab. Denn seit dem Anschlag auf die Askariya-Moschee in Samarra ist das Land zwischen Euphrat und Tigris dem Bürgerkrieg wieder ein Stück näher gerückt. Die Täter - vermutlich sunnitische Extremisten mit einem Naheverhältnis zu al-Qaida - zielten bewusst ins Zentrum des schiitischen Glaubens. Denn aus dieser Moschee entschwand Mohammed al-Mahdi, der zwölfte Imam, in die Verborgenheit. Jener Mahdi, so die Heilserwartung der Schiiten, der kurz vor der Apokalypse auf die Erde zurückkehren und Erlösung bringen wird. Die Bedeutung der Askariya-Moschee entspräche im Christentum einer Mischung aus Petersdom und Grabeskirche.
Ein heiliger Ort also, den die Terroristen als Ziel ausgewählt haben. Nachdem die Bilder der zerstörten Moschee ausgestrahlt wurden, gingen tausende wütende Schiiten auf die Straße. Großayatollah Ali al-Sistani, der in der Tradition der Nichteinmischung in die politische Sphäre (Quietismus) stehende schiitische Kleriker, setzte einen ungewöhnlichen Schritt und rief die Schiiten zu - friedlichen -Protesten auf. Vergeblich. Der Aufruf zur Ruhe ging in der schreienden Wut der Demonstranten unter, statt friedlichem Protest dominierten Ausschreitungen. Die Menge griff sunnitische Moscheen an und brachte sunnitische Kleriker um, mindestens 100 Menschen starben.

Der Irak steht nun an der Schwelle zum Bürgerkrieg: Mit dem symbolträchtigen Anschlag haben die Täter einen weiteren Keil zwischen die schiitische Mehrheit und sunnitische Minderheit im Land getrieben, ein Auseinanderbrechen des Landes ist ein Stück wahrscheinlicher geworden. Die Kurden im Norden haben schon längst die Geduld verloren, die Aussicht auf einen eigenen Staat (mit reichlich Erdölvorkommen um Kirkuk) klingt allemal verlockender, als Teil einer Chaos-Republik zu sein. Die Schiiten waren die großen Gewinner des Irak-Krieges: Sie waren im Ancien Régime von Saddam Hussein politisch machtlos. Nun haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Nun sind die Schiiten an der Macht, und wichtige Erdölquellen liegen in ihren Hauptsiedlungsgebieten im Süden des Landes. Die Sunniten sind nun politisch marginalisiert, das Territorium, das sie hauptsächlich besiedeln, ist reicher an Sand als an Erdöl. Sie würden bei einer Zersplitterung Iraks in ein Schiistan, Sunnistan und Kurdistan als große Verlierer dastehen.
Dass eine Teilung des Landes zu noch größerem Blutvergießen führen würde, lässt sich aus der Geschichte ableiten: Bei der Abtrennung Pakistans von Indien starben hunderttausende Menschen, bei der Teilung Jugoslawiens ebenso. Die logische Lehre daraus wäre, dass die irakischen Politiker die Gefahr sehen und die Bewahrung der Einheit des Landes in den Mittelpunkt ihres politischen Handelns stellen. Doch was tun die Vertreter der irakischen Parteien? Sie sind damit beschäftigt, die Pfründe unter den zukünftigen Koalitionspartnern aufzuteilen und haben es auch zwei Monate nach den Wahlen nicht geschafft, eine Regierung zu bilden.
Ein Bürgerkrieg in Irak würde die gesamte Region destabilisieren: Im ölreichen Osten Saudiarabiens, in Bahrain und Libanon stellen die Schiiten bedeutende Gruppen, die in den Konflikt hineingezogen werden könnten. Traditionellerweise versteht sich Iran als Schutzmacht aller Schiiten und würde bei einer kriegerischen Auseinandersetzung nicht abseits stehen: Ein regionaler Krieg hätte verheerende Folgen für die Welt. Denn mehr als die Hälfte der Weltölvorräte kommt aus der Golfregion. Wie hoch würde der Ölpreis dann wohl klettern?

Die Amerikaner stecken in einem Dilemma: Der Irak-Krieg war ein "War of Choice", also ein Krieg der Wahl, keiner, der dem Land aufgezwungen wurde, wie etwa die Afghanistan-Operation nach dem 11. September. Und in Irak gilt die Porzellanladen-Regel, wie der kluge "New York Times"-Kommentator Thomas Friedman einmal feststellte: "You break it, you own it." Lässt man im Laden eine Tasse fallen, dann muss man sie kaufen. Was er damit sagen will: Die Amerikaner sind in Irak einmarschiert, nun sind sie für dieses Land verantwortlich. Die Nachkriegsplanung war dilettantisch, das Entstehen funktionierender ziviler Strukturen und einer stabilen Regierung ist nicht absehbar. Und für die Okkupation gibt es keine Exit-Strategie. Mit der Ankündigung eines vorzeitigen Abzugs würde sich nur die Gefahr des Bürgerkrieges noch weiter vergrößern. Also bleiben die USA und stehen mitten im Fitna, im Chaos.

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