Münchner Rück: Starke Zunahme von Naturkatastrophen durch Klimawandel

Hagelversicherung setzt auf Risikostreuung

München (AIZ) - "Der Klimawandel findet bereits statt, er kann nur mehr gebremst, aber nicht mehr gestoppt werden. Er ist mitverantwortlich dafür, dass es zu einer starken Zunahme von Naturkatastrophen kommt und stellt daher eines der größten Änderungsrisiken für die globale Versicherungswirtschaft dar." Dies stellte der Leiter der GeoRisk-Forschung der Münchner Rückversicherungsgesellschaft, Prof. Peter Höppe, bei einem Pressegespräch der Österreichischen Hagelversicherung in München fest. "Die durch den Klimawandel mittlerweile erreichten Schadenspotenziale erreichen ständig neue Größenordnungen. Die Versicherungsbranche muss sich dieser Herausforderung stellen und neue Risikomodelle entwickeln", unterstrich Höppe. Im Agrarbereich, der vom Klimawandel besonders betroffen sei, gehe es dabei insbesondere um eine gezielte Risikostreuung durch den Abschluss von Ernteversicherungen, so der Experte.

Die Münchner Rück gehört mit einem Prämienvolumen von über EUR 20 Mrd. zu den weltweit führenden Rückversicherungs-Instituten und hat mit der GeoRisk-Forschung seit 1974 eine eigene Abteilung eingerichtet, die sich mit der Analyse von Naturgefahren beschäftigt.

Wie Höppe betonte, habe der Klimawandel in den vergangenen Jahren zu einer drastischen Zunahme der Naturkatastrophen geführt. Der Experte verwies dabei auf das Jahrhundert-Hochwasser in Dresden im Jahr 2002, das einen Schaden von EUR 16 Mrd. anrichtete. Im Sommer 2003 habe die extreme Dürre in Europa mit 35.000 Hitze-Toten zur größten humanitären Naturkatastrophe seit hunderten von Jahren in Europa geführt. Im März 2004 sei der erste Hurrikan im Südatlantik verzeichnet worden.

Mit dem Hurrikan Katrina sei 2005 das absolut schadenträchtigste Einzelereignis aller Zeiten (USD 125 Mrd. Schaden, davon USD 60 Mrd. versichert) eingetreten. In Indien wiederum sei am 26.07. vergangenen Jahres mit 944 mm die höchste jemals gemessene Niederschlagsmenge registriert worden, der daraus resultierende volkswirtschaftliche Schaden belaufe sich auf rund USD 5 Mrd., so Höppe. Von den im August 2005 im Alpenraum aufgetretenen Überschwemmungen sei auch Österreich betroffen gewesen, der Schaden werde hier mit USD 3 Mrd. beziffert (davon USD 1,7 Mrd. versichert).

Fast 90% der Naturkatastrophen kommen von der Atmosphäre

"In unserer Schadendatenbank für Naturkatastrophen sind seit 1980 mehr als 20.000 Ereignisse dokumentiert. Aus den Analysen geht hervor, dass diese Wetterextremereignisse seit Jahren drastisch zugenommen haben. Die bereits inflationsbereinigten volkswirtschaftlichen Schäden sind noch stärker angestiegen und haben im Rekordjahr 2005 eine Höhe von USD 165 Mrd. beziehungsweise von USD 90 Mrd. bei den versicherten Schäden erreicht", berichtete der Experte.

Der starke Anstieg dieser Schäden sei auf mehrere Faktoren zurückzuführen, wie etwa das Bevölkerungswachstum, die Besiedelung gefährdeter Regionen und die Schadenanfälligkeit moderner Technologien. "Die Zunahme von Naturkatastrophen in den vergangenen Jahren wurde durch die wetterbedingten Ereignisse wie Stürme und Überschwemmungen verursacht und zeichnet sich bei den geophysikalischen Ursachen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüchen nicht in ähnlicher Weise ab. Daher besteht ein berechtigter Grund zur Annahme, dass vom Menschen verursachte Änderungen in der Atmosphäre wie eben der Klimawandel die Ursachen sind", gab Höppe zu verstehen. Den Berechnungen zufolge seien knapp 90% der versicherten Naturkatastrophenschäden "atmosphärisch bedingt".

Der Experte verwies in diesem Zusammenhang auf die zahlreichen Untersuchungen, die einen klaren Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration sowie der Durchschnittstemperaturen in den vergangenen Jahrzehnten belegen. "Britische Forscher schätzen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit der menschliche Einfluss das Risiko einer Hitzewelle, wie sie 2003 in Europa aufgetreten ist, verdoppelt hat. Modellrechnungen der künftigen Hurrikan-Aktivität unter Berücksichtigung des Klimawandels ergeben, dass sich bis zum Jahr 2050 die maximalen Windgeschwindigkeiten um 18% erhöhen werden", zitierte Höppe aktuelle Forschungsergebnisse.

"Vor dem Hintergrund der bereits eingetretenen Veränderungen und der Vorhersagen für die nächsten Jahrzehnte ist nicht mehr die entscheidende Frage, wann die vom Menschen verursachte Klimaänderung endgültig beweisbar sein wird, sondern ob wir die künftigen Veränderungen richtig einschätzen und daraus die entsprechenden Anpassungs- und Vermeidungsstrategien entwickeln können", gab Höppe zu bedenken.

Auf erneuerbare Energie setzen

Zu den notwendigen Maßnahmen zählt der Klimaexperte die Verringerung des weltweiten Energieverbrauches und den Umstieg auf erneuerbare Energieträger. Atomenergie wollte Höppe nicht als Lösungsmöglichkeit bezeichnen.

Versicherungswirtschaft muss sich anpassen

Die Versicherungswirtschaft sei massiv vom Klimawandel betroffen. Sie müsse mit einem stark zunehmenden Schadenspotenzial rechnen und habe sich rechtzeitig an die neuen Herausforderungen anzupassen. Dies könne durch risiko-adäquate Prämien, Selbstbehalte, Haftungslimite, den Ausschluss bestimmter Gefahren, weiters durch vermehrte Rückversicherung, aber auch durch Verhinderung von Schäden (über Präventionsmaßnahmen) erfolgen, erläuterte Höppe.

Landwirtschaft fragt Ernteversicherung immer stärker nach

"Direkt betroffen vom Klimawandel und den Wetterextremereignissen sind die Landwirte. Wir stellen daher einen stark steigenden Trend zum Abschluss von Mehrgefahren-Versicherungen fest", berichtete der Leiter der Agrarabteilung in der Münchner Rück, Karl Murr. Innerhalb der EU gebe es etwa in Spanien seit mehreren Jahren umfassende Ernteversicherungen, auch in Frankreich und Italien ließen sich die Landwirte gegen mehr Risiken versichern. Deutschland hinke diesbezüglich noch etwas hinterher.

In den USA decke die relativ weit gefasste Ernteversicherung in gewissem Maße auch Preisverluste ab, in Kanada hätten die Provinz-Regierungen eigene Spezialversicherungsgesellschaften für agrarische Risken eingereichtet. "Führende Agrarexportländer wie Argentinien und Brasilien setzen schon vermehrt auf Ernteversicherungen und Russland ist derzeit dabei, ein Agrarversicherungsgesetz zu schaffen", so Murr.

Österreichische Hagelversicherung setzt auf Risikostreuung

"Auch in Österreich verzeichnen wir eine deutliche Zunahme von extremen Wetterereignissen. Wir haben uns aber schon vor mehreren Jahren auf diese Situation eingestellt, indem wir die Risikogemeinschaft auf eine breitere Basis gestellt haben. Wir haben unser Angebot stark erweitert. Mit der Mehrgefahrenversicherung, die neben Hagel die Risiken Trockenheit, Frost, Überschwemmung, Sturm, Auswuchs, tierische Schädlinge und Dauerregen bei Ernte abdeckt, hat die Österreichische Hagelversicherung die umfassendste Produktpalette in Europa", erklärte Vorstandsvorsitzender Kurt Weinberger.

In Österreich sind über 80% der Ackerflächen - das entspricht rund 1,1 Mio. ha - hagelversichert und 60% davon auch mehrgefahrenversichert. "Die kontinuierliche Zunahme der versicherten Fläche um mehr als 60% seit 1995 bestätigt, dass unsere Bauern ausgezeichnete Risikomanager sind", zeigte sich Weinberger über das unternehmerische Handeln der österreichischen Landwirte erfreut.

Prämien bleiben stabil

Trotz der stark zunehmenden Schadensfälle sei eine Anhebung der Versicherungsprämien bei der Hagelversicherung derzeit nicht in Diskussion, unterstrich der Vorstandsvorsitzende. "Wir haben in den vergangenen sieben Jahren die Versicherungsprämien nicht erhöht, sondern ganz im Gegenteil eine durchschnittliche Prämienreduktion um 1% pro Jahr durchgeführt. Ermöglicht wurden diese Senkungen durch unsere Strategie der Risikostreuung. Außerdem gewährleistet unser Rückversicherungskonzept Prämienkonstanz bei großen Schadensereignissen", gab Weinberger zu verstehen. Nachdem 20% der Agrarflächen noch nicht versichert seien, sehe er noch weiteres Wachstumspotenzial für die Hagelversicherung.

18.855 Schadensmeldungen im Jahr 2005 verzeichnet

Das Jahr 2005 war für die österreichische Landwirtschaft ein Jahr der Risken-Vielfalt. Neben Hagel traten nahezu alle anderen Wetterextreme wie Frost, Trockenheit, Überschwemmung und Auswuchs auf. Die Hagelversicherung verzeichnete 18.855 Schadensmeldungen, das bedeutet eine Steigerung von 6,5% im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt waren knapp 100.000 ha landwirtschaftliche Fläche betroffen. Vor allem Elementarschäden durch andere Unwetter als Hagel haben massiv zugenommen. Mit rund 7.000 Schadensfällen gibt es in diesem Bereich eine Verdreifachung. Der Gesamtschaden in der Landwirtschaft betrug 2005 mehr als EUR 60 Mio.
(Schluss) kam

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