Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Die Ehre am Balkan

In meinem journalistischen Leben habe ich über kaum jemanden anderen so viele scharfe und kritische Kommentare geschrieben wie über Ratko Mladic, den einstigen Chef der serbisch-bosnischen Armee. Und doch beschleicht mich angesichts seiner wahrscheinlichen Auslieferung an das Haager Tribunal nicht nur ein Gefühl der Freude (weil ein Massenmörder vor Gericht kommt), sondern auch eines der Sorge. Denn Belgrad liefert ihn nicht deshalb aus - wenn es das nun wirklich tut -, weil es einsieht, dass Mladic ein Verbrecher ist, sondern weil es wirtschaftlich unter Druck steht, weil Serben derzeit fast nirgendwo Visa bekommen.

Ganz ähnlich war es, als die Kroaten Ante Gotovina ihren EU-Ambitionen geopfert haben. Mit anderen Worten: Da wie dort wird ein Nationalheld unter Zwang und des Geldes willen ausgeliefert. Was aber wird das in den Köpfen der Serben und der Kroaten auslösen? Liebe zum Westen und seinen Werten wohl eher nicht.

Unser Mangel an Sensibilität für die nationale Ehre der Balkan-Völker steht in merkwürdig krassem Kontrast zu der geradezu demütigen Rücksichtnahme auf das Selbstwertgefühl der islamischen Welt, das von Europas Regierungen derzeit so intensiv gehegt wird.

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In Wien sorgen wir uns weniger um den Balkan, sondern mehr darum, ob am Neuen Markt eine Garage gebaut werden darf. Ob da die Umfrage der neuen Bezirksvorsteherin wirklich der Weisheit letzter Schluss ist? Denn bei fast jedem Garagenbau in der Vergangenheit waren die Anrainer erst dagegen, nachher aber dafür, weil die Lebensqualität durch den Garagenbau stieg. Es zeigt sich auch wieder einmal, wie problematisch es gewesen ist, immer mehr Kompetenzen vom Rathaus in die Bezirke zu verlagern. Heute dominiert bei fast jedem Wiener Projekt 23mal das Floriani-Prinzip. Und insbesondere im Ersten Bezirk wäre es einfach absurd, den Eindruck zu erwecken, dass die Anrainer Anspruch auf einen Fast-Gratis-Dauerparkplatz auf öffentlichem Grund haben.

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