"Kleine Zeitung" Kommentar: "Drei Jahre Gefängnis für eine unhaltbare, abstruse Meinung" (Von Doris Piringer)

Ausgabe vom 22.02.2006

Graz (OTS) - Er hat beim Gestehen so viel Kreide geschluckt, dass manchem Zuhörer im Wiener Schwurgerichtssaal schon fast übel wurde, doch die Schalmeienklänge von David Irving wurden zu dessen Abgesang:
Drei Jahre Haft hat der Brite bekommen - und das unbedingt. Ein Raunen ging durch den ehrwürdigen Saal, denn mit dieser saftigen Strafe hat wohl niemand gerechnet. Auch er selbst nicht: "Ich bin geschockt", sagte er nach dem Urteil, mehr noch, "ich bin sehr geschockt."

Sowohl Irving, als auch der Ankläger haben Berufung eingelegt, das Urteil ist somit nicht rechtskräftig. Der Oberste Gerichtshof ist jetzt am Zug und man wird mit Aufmerksamkeit verfolgen, wie die Höchstrichter die Taten des Hobbyhistorikers bewerten werden.

Drei Jahre unbedingte Haft für einen unbescholtenen Angeklagten - das ist eine Strafe, mit der eine schwere Vergewaltigung geahndet wird. Der Richter hat dieses Ausmaß unter anderem damit begründet, dass man "dem Angeklagten das Unrecht seines Tuns eindringlich vor Augen führen müsse".

Tatsächlich, und das ist die Grundlage für die Anklage gewesen, hat Irving vor 16 Jahren in zwei Vorträgen Skandalöses von sich gegeben:
Nicht nur das prinzipielle Leugnen von Gaskammern in Auschwitz, sondern auch sein Verhöhnen der überlebenden KZ-Opfer als "Fälle für die Psychiatrie" sind derart widerwärtig, dass man gleichsam als Reflex den Ruf nach dem Gefängnis versteht.

David Irving hat sein Unwesen auch in anderen Ländern getrieben, wo kein strenges Gesetz diese abstrusen Gedanken verbietet. Mehrere Staaten auf der ganzen Welt wehren sich dennoch erfolgreich gegen den Besuch des Briten: Sie haben über ihn ein Einreiseverbot verhängt. Andere Länder tolerieren hingegen diese haltlosen Thesen, weil Meinungsfreiheit ein oberstes Gut in ihrer Werteskala darstellt.

Die Rede- und Meinungsfreiheit zu verteidigen, wenn man die Ansichten des Redners teilt, ist freilich ein Leichtes. Die wahre Nagelprobe für die Rede- und Meinungsfreiheit kommt ja erst dann, wenn man Gedanken, vielleicht sogar eine Gesinnung zulassen muss, die einem zutiefst zuwider ist und man selbst mit historischen Fakten das Falsche an der anderen Meinung begründen könnte.

Aber vielleicht stehen wir in Österreich erst ganz am Anfang einer solchen Diskussion. Wahrscheinlich sollten wir - gerade wir - nicht Vorreiter im Aufbrechen von NS-Verbotsgesetzen sein. Aber das Nachdenken darüber kann uns niemand verbieten. ****

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