Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Die unfassbaren Spiele

Wien (OTS) - Ein Deutscher druckt das Wort Koran auf Klopapier.
Ein türkischer Film hetzt gegen Juden und Christen. Im Krieg der Kulturen geht es nun offenbar Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Ist dem wirklich so? Nein, denn die Unterschiede zwischen der islamischen und der westlichen Welt sind in Wahrheit gewaltig. Der Koran-Drucker hat ein Strafverfahren bekommen; in Italien wird ein Minister entlassen und ebenfalls vor Gericht gestellt, weil er die umstrittenen Mohammed-Karikaturen auf einem T-Shirt trägt. Der Film hingegen wird von fast allen türkischen Politikern lauthals gerühmt. Auch gab es im Westen nichts, was auch nur annähernd mit den gewalttätigen Hass-Demonstrationen in islamischen Ländern mit Dutzenden Toten und großem Sachschaden vergleichbar wäre. Vom Terrorismus ganz zu schweigen.

Bei aller Bereitschaft, zuerst nach Splittern und Balken im eigenen Auge zu suchen: Wer diese Unterschiede wegwischen will, begeht böswillige Geschichtsklitterung.

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"Unfassbar". So betitelt sogar die sonst so seriöse APA ihre begeisterte Meldung über die jüngste österreichische Goldmedaille; von den Boulevard-Zeitungen ganz zu schweigen. Bei aller Freude: Wir sollten doch endlich lernen, auch Erfolge mit dem richtigen Augenmaß zu sehen. Denn auf jeden Erfolg folgen auch wieder Misserfolge. Vielleicht treiben wir Zuschauer und Journalisten gerade mit der verkrampften Sucht nach immer noch mehr Medaillen unsere Wintersportler in die verbotene Zone. Wir könnten da von der Lockerheit der Amerikaner und Skandinavier wohl noch viel lernen.

Augenmaß wäre umso mehr am Platz, als die Doping-Affäre im heimischen Skisport schon eine schmerzhafte Dimension angenommen hat. Allzu oft hört man schon wieder die Ausdrücke "Schlawiner" und "Heuchler" über "die" Österreicher. Wenn die Verbände mogelnde Trainer immer erst nach deren Untertauchen absetzen, dann ist das kein sehr überzeugender Einsatz für sauberen Sport. Vielleicht passt hier eher das Wort "unfassbar".

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