Mehr Lebensqualität für Krebspatienten durch neue Kooperation von Onkologen und Hausärzten

Wien (OTS) - 35.000 Menschen erhalten jährlich in Österreich die Diagnose Krebs. Eine oft lange und zeitaufwendige Therapie beginnt. Ein neues Kooperationsprojekt zwischen Onkologen und Allgemeinmedizinern gibt dem Krebspatienten Lebensqualität zurück:
Der Krebspatient kann Infusionstherapien und Schmerztherapien nun vermehrt auch direkt bei seinem Hausarzt durchführen lassen. Diese strukturierte Versorgung von Betroffenen in Österreich spart jährlich Kosten, da die stationären Aufenthalte und Patiententransporte dadurch reduziert werden. +++

2,7 Millionen Menschen erkranken in Europa jährlich an Krebs; allein in Österreich erhalten 35.000 diese Diagnose. Bei etwa 7.500 Personen pro Jahr treten im Verlauf einer Krebserkrankung Knochenmetastasen auf.

In Österreich war die Therapie des onkologischen Patienten bislang auf die Spitäler fokussiert. Das bedeutet für den Krebspatienten meist eine Anreise ins nächste Krankenhaus und Wartezeiten, fragende Blicke anderer Patienten und quälende Erinnerungen an den ehemaligen Aufenthalt in der Klinik. Eine neue Kooperation zwischen Fachärzten und Allgemeinmedizinern soll nun einfache Behandlungen in die hausärztliche Praxis überführen und dem Patienten damit Lebensqualität zurückgeben. Das SMZ Ost in Wien führt eine derartige Kooperation mit niedergelassenen Allgemeinmedizinern bereits seit zwei Jahren erfolgreich durch.

Kooperation mit Allgemeinmedizinern von Onkologie erwünscht Besonders Infusionstherapien, Schmerztherapien und Unterstützung nach der Chemotherapie müssen nicht notwendigerweise im stationären Bereich durchgeführt und können im niedergelassenen Bereich erbracht werden. Der Behandlungsplan wird gemeinsam mit dem Patienten festgelegt. "Dieses Modell soll nach beiden Seiten durchgängig und transparent sein und der Patient darf nicht unterversorgt gelassen werden. Ein Beispiel dafür ist die oft Monate bis Jahre dauernde Therapie mit Bisphosphonaten bei Knochenmetastasen, die ansonsten regelmäßig im stationären Bereich durchgeführt werden muss", erklärt Univ.-Prof. Dr. Ernst Kubista, Vorstand der Speziellen Gynäkologie am AKH Wien. Dr. Wolfgang Halbritter, niedergelassener Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie in Bad Vöslau ergänzt: "Diese Vorgehensweise entlastet insbesondere die teils an die Grenze ihrer Kapazitäten angelangten Zentren. Vor allem aber bringt die strukturierte Betreuung von onkologischen Patienten eine Kosteneinsparung, weil die stationären Aufenthalte und die Patiententransporte reduziert werden."

Patientenbedürfnisse zur onkologischen Therapie österreichweit erhoben

In Österreich findet die medizinische Betreuung der Betroffenen fast ausschließlich im klinischen Bereich statt. Eine österreichweite Erhebung evaluierte Akzeptanz und Wunsch der onkologischen Patienten nach einer ambulanten Behandlung außerhalb des Krankenhauses in Ordinationen. Von September 2000 bis Februar 2001 erhielten 1.250 Patienten, die in den vergangenen fünf Jahren wegen einer Krebserkrankung behandelt wurden, über Selbsthilfegruppen und niedergelassene Ärzte Fragebögen. 258 Bögen wurden retourniert, das entspricht einer Rücklaufquote von 20,6 Prozent. "Den Patienten waren in Bezug auf die Behandlung die Faktoren persönliche und wohnortnahe Betreuung durch den Hausarzt sehr wichtig", weiß Halbritter. 42,2 Prozent bezeichneten dabei eine persönliche Betreuung durch den Hausarzt als sehr wichtig. "Diese Befragung dokumentiert den ausgeprägten Wunsch der Krebspatienten nach einer persönlichen Betreuung durch niedergelassene Ärzte vor Ort und nach wohnortnahen Therapieangeboten", schlussfolgert Halbritter.

Wichtige Rolle der Hausärzte: Manager des Krebspatienten
Die Rolle des traditionellen Hausarztes hat sich dem veränderten Gesundheitssystem und dem wissenschaftlichen Fortschritt angepasst:
Der Hausarzt begleitet seine Patienten über einen längeren Lebensabschnitt. Bei stationären Maßnahmen übernimmt er das prä- und poststationäre Management sowie die Voruntersuchung und Vorbereitung für geplante Eingriffe. Die Koordination notwendiger Nachsorgeuntersuchungen ist bei Karzinom-Patienten besonders wichtig. Leistungen, die nicht an die stationäre Aufnahme gebunden sind, lagern Spitäler aus Kostengründen und zur Entlastung der Einrichtungen zunehmend an die niedergelassenen Praxen aus. Der Krebspatient entscheidet selbst, ob er die nötigen Therapien vom Hausarzt durchführen lassen möchte. Der niedergelassene Allgemeinmediziner stimmt sich während der gesamten Behandlungszeit mit dem Facharzt ab. "Krebs ist eine chronische Krankheit, die eine jahrelange Betreuung erfordert. In der Regel besteht eine langjährige Beziehung und damit ein großes Vertrauen zwischen dem Hausarzt und seinen Patienten. Der Arzt kennt auch das familiäre Umfeld des Patienten. Dem Patienten bleiben Ambulanzbesuche und damit verbundenen traumatisierende Erinnerungen erspart. Der Hausarzt ist der Manager des Krebspatienten", so Dr. Barbara Degn, Allgemeinmedizinerin und Präsidentin der Wiener Gesellschaft für Allgemeinmedizin (WIGAM).

Studie bestätigt höhere Behandlungstreue bei der Betreuung durch den Hausarzt

Eine Studie aus dem Jahr 2005 bestätigt, dass Patienten mit Knochenveränderungen, die ihre Therapie intravenös erhalten, eine um 65 Prozent höhere Behandlungstreue haben als Patienten, die eine orale Therapie zur Einnahme zu Hause verordnet bekommen. "Der Allgemeinmediziner wird vom Patienten als Vertrauter gesehen. Patienten können durch diese Kooperation auf freiwilliger Basis beispielsweise Infusionen zur Behandlung von Knochenmetastasen bei ihrem Hausarzt erhalten. Die Therapietreue ist dann vergleichsweise höher, wenn der Patient die Infusion beim Hausarzt durchführen lässt," bestätigt Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM).

Patientenvertreter in strukturierte Nachsorge eingebunden

Die Patientenvertreter sehen insbesondere die Aufklärung und die Information als zentrales Element der neuen Kooperation. "Patienten benötigen von den Fachärzten Informationen zum weiteren Behandlungsplan. Die Ärzte müssen sich abstimmen," so Angelika Krauss-Rirsch, MAS, Vertretung der Frauenselbsthilfe nach Brustkrebs. Die Zusammenarbeit zwischen onkologischen Zentren, Fachärzten und Allgemeinmedizinern verfolgt das Ziel, aus bisherigen Schnittstellen Nahtstellen zu machen, erklärt auch Ekkehard Büchler von der Selbsthilfegruppe Prostatakrebs. Büchler: "Vier Augen sehen immer mehr als zwei - Die Kenntnisse des Hausarztes über die Krankengeschichte seines Patienten und die Besonderheiten unterstützen die individuelle Behandlung von körperlichen und seelischen Reaktionen auf onkologische Therapien. Der Patient gewinnt durch die Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Facharzt noch zwei Augen, die seine Krankheit und seine Heilung aus einer anderen Perspektive beobachten."

Stellungnahme von Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse

In vielen Bereichen ist die onkologische Therapie in Österreich nach wie vor durch eine unklare Zuständigkeitsaufteilung sowie die Rivalität unterschiedlicher Facharztsparten um die "Primärzuständigkeit" für eine bestimmte Tumorlokalisation gekennzeichnet. "Das ist nicht im Sinne der PatientInnen und muss verbessert werden" meint dazu der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) Franz Bittner. "Die Sozialversicherung fordert daher vorrangig einerseits die Herausbildung einer klar definierten mehrstufigen Versorgungsstruktur samt zugehöriger Strukturqualitätskriterien in den Spitälern (Stufe 1: Onkologisches Zentrum, Stufe 2: Onkologischer Schwerpunkt. Stufe 3: Internistische Fachabteilung mit Onkologie) und andererseits eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der für die Krebsbehandlung wichtigen Gesundheitsberufe. Dabei sollte auch die Psychoonkologie eine wichtige Rolle einnehmen. Die niedergelassenen Ärzte - allen voran die Hausärzte - nehmen dabei eine wichtige flankierende und den Patienten begleitende Funktion ein, die es zu fördern gilt. Ich begrüße es daher, dass sich die Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) aktiv darum bemüht, die Rolle der praktischen Ärzte in der Krebstherapie herauszuarbeiten und im Versorgungsspektrum zu verankern."

Vor einer allfälligen Auslagerung onkologischer Leistungen von den Spitälern zu niedergelassenen Ärzten sollte im Interesse der Patienten und Beitragszahler jedenfalls Klarheit darüber bestehen, dass die Leistungen bei zumindest gleicher Qualität im niedergelassenen Bereich volkswirtschaftlich günstiger erbracht werden können. Hier fehlt es gegenwärtig noch an wissenschaftlicher empirischer Evidenz. So raten Experten etwa vor der Verabreichung von Zytostatika ausserhalb des stationären Settings ab. Sollten sich Auslagerung aus den Spitälern als günstiger erweisen, müssen diese dem Prinzip "das Geld folgt der Leistung" folgend gefördert und umgesetzt werden.

Die WGKK wendet gegenwärtig rund eine Million Euro pro Jahr für Bisphosphonate in Form von Infusionslösungen auf, die hauptsächlich von niedergelassenen Allgemeinmedizinern verabreicht werden (dabei sind die Honorarkosten der Ärzte noch nicht mitgerechnet). Diese Therapien kommen nicht nur für OsteoporosepatientInnen zum Einsatz, sondern auch als begleitende Therapie für KrebspatientInnen.

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