"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Doping-Razzia zielte auf unser Wir-sind-wir-Gehabe ab" (von Gerald Pototschnig)

Ausgabe vom 21.02.2006

Graz (OTS) - Mit seiner oft fast nicht mehr zu ertragenden
stoischen Ruhe wollte Leo Wallner, der Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees ÖOC, im ORF-Studio klarstellen, dass Walter Mayer "nichts mit der Mannschaft zu tun hat".

Vielleicht glaubt Wallner das allen Ernstes. Oder es war eine Notlüge. Eher aber war es eine "kolossale Lüge", wie die "La Gazzetta dello Sport" schrieb. Es war auch eine kolossale Lüge, als Schiverbands-Boss Peter Schröcksnadel behauptete, vorher nichts davon gewusst zu haben, dass Walter Mayer in jenem Privatquartier gewohnt hat, das sich die Biathleten angemietet haben.

Und von einem "Hausbesuch" der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA Ende Jänner in dem als Pension getarnten und vermutlich einer Privatklinik ähnlich medizinisch ausgestattetem Langlauf-Trainingszentrum im steirischen Ramsau wird der Schiverband auch als einer der Ersten Wind bekommen haben.

Walter Mayer (48) ist seit der "Blutbeutelaffäre" bei den Winterspielen vor vier Jahren in Salt Lake City im Fadenkreuz der Dopingjäger. Mayer hatte damals Langläufern - darunter seinem Sohn Marc - Blut abgenommen, mit Ozon behandelt und wieder zugeführt.

Laut Reglement des Internationalen Olympischen Komitees IOC wird jede Manipulation des Blutes, und als eine solche gilt bereits die ganz banale Blutabnahme, als Dopingvergehen eingestuft. Deshalb wurde Mayer vom IOC bis zum Jahr 2010 von Olympia ausgeschlossen. Der Internationale Schiverband FIS hat ihn lebenslänglich gesperrt, der ÖSV hat ihn entlassen.

Daraufhin hat Walter Mayer die FIS, den ÖSV, Gott und die Welt geklagt. Bis er per einstweiliger Verfügung wieder als Trainer arbeiten durfte, vom ÖSV wieder eingestellt wurde. Und Anfang Jänner dieses Jahres hob das Arbeitsgericht Innsbruck die lebenslange FIS-Sperre überhaupt auf.

Obwohl die FIS den weltweit einheitlichen Doping-Code der WADA unterzeichnet hat und sich der ÖSV als Mitgliedsverband der FIS daran zu halten hätte, bilden sich Schröcksnadel und Konsorten ein, zwischen Doping und Doping unterscheiden und ihre eigenen Regeln aufstellen zu können.

Aber dass sich die FIS nicht ewig auf der Nase herumtanzen lässt, hätte man an den Fingern einer Hand ausrechnen können. Die Doping-Razzia von Turin zielte daher weniger auf ein paar Sportler oder einen verrückten Trainer ab, sondern auf Selbstherrlichkeit, Machtgier und Wir-sind-wir-Gehabe unseres Schiverbandes. ****

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