Und alle wollen den Zaubertrank

"Presse"-Leitartikel von Florian Asamer

Wien (OTS) - Wer den Satz "Wer dopt, fliegt" ernst meint, kann mit gutem Gewissen nur noch beim Sackhüpfen zuschauen.

Zugegeben: Wäre man Sportminister, könnte man zum Thema Doping vermutlich auch nicht viel mehr sagen als: "Ich fordere einen klaren Trennstrich zwischen Doping und erlaubtem Trainieren." "Wir wollen saubere Spiele." Dazu vielleicht noch ein kleiner Hinweis auf die Vorbildfunktion der Sportler für unsere Kinder. Und am Schluss: "Wer dopt, der fliegt!" Punkt. Ist man aber nicht Sportminister, kann und muss man wohl eine ganze Menge mehr dazu sagen.
Jedenfalls einmal: Was in Österreich rund um die Wintersportler aufgeführt wird, ist nicht mehr feierlich - gerade und vor allem dann, wenn es wie dieser Tage viel zu feiern gibt. Die bei Sport-Großereignissen pandemieartig um sich greifende "Wir-im-Österreicher-Haus"-Hysterie ist es auch, die Misserfolge überhaupt nur mehr als Ausfluss von höherer Gewalt oder großer irdischer Ungerechtigkeit denkmöglich macht. Der fehlende Aufwind, der verwachselte Ski, die ungünstige Startnummer, der parteiische Unparteiische. Und diesmal eben ein Haufen wildgewordener Carabinieri. Unterfüttert wird diese patriotisch-älplerische Sicht der Dinge im trauten Gleichklang von Staatsfernsehen und auflagenstärkster Zeitung des Landes.
Hätte man auch nur einen Millimeter Abstand (oder hier treffender:
nähme man sich auch nur eine Zehntel-Sekunde Zeit zum Nachdenken), würde im Zusammenhang mit professionellem Sport längst niemand mehr von "Spielen" sprechen und damit die Aktiven regelmäßig in einen unauflösbaren Widerspruch zwingen. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Es geht um nicht weniger als um das Gelingen und Scheitern von Lebensentwürfen, ganzen Existenzen also, und um sehr viel Geld. Genau das also, was man landläufig den "Ernst des Lebens" nennt.

Doch während der erfolgreiche Manager auf dem Weg zum eigenen Firmenimperium sich jederzeit ebenso (gesellschaftlich geduldet) um seine Gesundheit bringen kann wie ein Künstler bei der Hervorbringung seines Werkes, müssen Sportler ihren Beruf vor einer Kulisse der Scheinheiligkeit ausüben. Denn hier zählt, anders als überall sonst, nicht mehr das bloße Ergebnis, sondern mindestens genau so der Weg dahin. Es gilt, der Schnellste, Stärkste, Fitteste zu sein und das auch noch garantiert biologisch abbaubar. Es gibt kleinere Ansprüche, an denen man scheitern kann.
Als wäre das nicht schon Bürde genug, steht diese Vorgabe im krassen Gegensatz zu dem, was sich das zahlende, quotenbringende - also überlebenswichtige - Publikum von Helden so erwartet. Siege, nicht ungedopte Sieger. Siegfried verliert an Attraktivität erst, wenn er verliert, nicht aber, weil er seine Stärke einem Bad im Drachenblut verdankt (übrigens vielleicht eine legale Erklärungsmöglichkeit für die Blutbeutel in der Biathleten-Unterkunft). Odysseus spricht niemand sein gewitztes Heldentum mit dem Hinweis auf göttliche Unterstützung ab. Und den unverschämtesten Dopern überhaupt, den Galliern rund um Asterix, fliegen die Sympathien nur so zu. (Die Römer hätten wohl am Grünen Tisch genau so wenig Chance gehabt wie in den Wäldern rund um Kleinbonum.)
Im Sport unserer Tage aber werden wie selbstverständlich übernatürliche Leistungen mit natürlichen Mitteln verlangt. Als Hauptargument gegen die Legalisierung von leistungssteigernden Mitteln werden dabei stets fairer Wettkampf und gleiche Bedingungen genannt. Eine Illusion angesichts einer zumindest Zweiklassengesellschaft im Weltsport: etwa zwischen jenen, die ein Antreten bei Olympia lässig davon abhängig machen können, von unerwünschten Kontrollen verschont zu bleiben (wie die Eishockeystars aus Kanada und den USA), und normalen Athleten, die wegen mangelnder finanzieller Mittel wohl nicht einmal die erlaubten Mittel effizient einsetzen könnten. Sie müssen sich aber mit Weltstars messen, die ganze medizinische Abteilungen für sich alleine beschäftigen.

Könnte man sich einmal darauf einigen, dass der sehr schöne Gedanke, Leistungssport habe mit Gesundheit etwas zu tun, eine Illusion ist, wäre der nächste Schritt wohl logisch. Drogen und verbotene Substanzen (dazu sollten auch Anabolika und ähnliche Medikamente zählen) sind und bleiben illegal. Wer sie besitzt, verkauft oder konsumiert, macht sich strafbar und muss vor Gericht. Was darüber hinausgeht, steht in der Verantwortung der Athleten (unter der Voraussetzung, dass sie anders als etwa zu DDR-Zeiten frei entscheiden können). Alles andere ist nur ein Weglaufen vor der Realität. Weil: Alle wollen den Zaubertrank.

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