DER STANDARD-Kommentar: "Der verpatzte Himmel" von Gerfried Sperl

"Und wieder überschattet ein Doping-Skandal das sportliche Kaiserwetter"; Ausgabe vom 21.2.2006

Wien (OTS) - Der Himmel hinge voller Geigen, nach den
Gold-Erfolgen der alpinen Skiläufer am Montag. Wäre da nicht der Doping- Skandal bei den Biathleten, der Österreich ganz massiv schadet - ein Krimi, der sowohl sportliche als auch politische und mediale Aspekte hat. TV und Zeitungen, präziser Journalisten, die ihre Worte besser überlegen sollten, haben ohne Zögern ins populistische Horn geblasen.

Doch so weit würde selbst der Bundespräsident nicht gehen: dass er eine Beschränkung der Pressefreiheit auch für den Sport-Chauvinismus verlangen würde. Zwar hat der Streit um die antiislamischen Karikaturen eine andere, viel größere Dimension, aber was da in den letzten Tagen an direkten oder indirekten Ressentiments gegenüber Italien gelaufen ist, war nicht schwach. Da haben die Massenmedien gehörig auf die Tube gedrückt. Und das offizielle Österreich stimmte in diesen Chor der Empörung ein. Olympia fällt in ein Wahljahr.

Der Schreck kam tags darauf. Denn das Internationale Olympische Komitee hatte offenbar handfeste Hinweise gehabt und rückte deshalb gleich mit einer größeren Staffel Carabinieri an. Was man fand und was da aus den Fenstern in den nächtlichen Himmel flog, war nicht von Pappe. Das war, so lauten die Indizien, explosiver Pharma-Stoff der Kategorie Doping. Als das bekannt wurde, schalteten Funktionäre, Politiker und Medien blitzschnell um. Man hatte auch gleich einen Schuldigen, der filmreif nachlegte und in eine Polizeisperre krachte.

Der Skiverband konnte handeln und den Übeltäter abstellen. Trotzdem bleiben einige Fragen, die bis jetzt nicht beantwortet wurden. Wer ließ Walter Mayer, dem der ORF kürzlich sogar eine öffentliche Bühne geboten hat, in die Quartiere? Warum konnten die Biathleten mit Spritzen hantieren, obwohl man um ihre Anfälligkeit wusste? Gibt es eine Verantwortlichkeit an der Funktionärsspitze?

Sowohl ÖSV-Chef Schröcksnadel als auch ÖOC- Boss Wallner wissen, dass man sich in Österreich solche Fragen nicht stellen muss. Selbst dann, wenn man die beiden mit einer Spritze erwischt hätte, würde die Unschuldsvermutung gelten. Bis sich Rauch und Nebel verzogen haben. In diesem Land tritt niemand zurück. Wir sind ja nicht Italien.

Beide, Wallner und Schröcksnadel, sind erfolgreiche Unternehmer und hochqualifizierte Funktionäre, wenn man den Skisport mit den Qualitäten unseres Fußballs vergleicht. Aber beim Abputzen sind sie gleich gut.

Die Wirklichkeit ist: Zwar erzwang Walter Mayer gerichtlich, vom Doping-Verdacht entlastet zu werden und im ÖSV angestellt zu bleiben (bzw. dorthin zurückzukehren), aber der glitschige Morast an der Grenze zum Doping blieb. Entweder drückte man ständig ein Auge zu oder im ÖSV fehlen Instrumente einer effizienten Kontrolle.

Dazu kommt eine gesteuert laxe Meinung zum Doping in der Promi-Szene. Würde man einen deklarierten Hasch- Konsumenten als ORF-Kommentator engagieren? Wohl nicht. Ein (positiv getesteter) Doping-Sünder aber erhält, wie es scheint, als Wiedergutmachung, einen TV-Kontrakt. Nachdem alle, von A bis O, in Magazinen angetreten sind, um den "unschuldigen" Kollegen zu entlasten.

Anstatt sich über den durchaus diskutablen Polizeieinsatz zu alterieren, sollte Österreichs politische Klasse sich bei der Dopingbekämpfung Italien zum Vorbild nehmen. Der Bundeskanzler zum Beispiel. Ganz gegen seine Gewohnheiten war er schnell zur Stelle:
"Wer dopt, fliegt." Aber ist er auch für eine drastische Verschärfung der gesetzlichen und strafrechtlichen Bestimmungen? Oder der Bundespräsident: Was wird er bei der nächsten Sportlerehrung sagen? Hoffentlich mehr, als sich bloß über schwarze Schafe zu mokieren.

Oh wie regt sich das österreichische Herz darüber auf, wenn ein Schriftsteller das Land kritisiert. Und wie rührend rücksichtsvoll ist es, wenn jemand unser Nest mit verbotenen Drogen beschmutzt.

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