Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Vom österreichischen Wesen

Pfui, wie kann man sich nur erwischen lassen - noch dazu so stümperhaft. So denken im österreichischen Skizirkus offenbar viele. Vielleicht haben sie ja recht: Denn nicht bloß Laien sind überzeugt, dass Ausdauersportarten - von den Radfahrern bis zu den Ski-Langläufern - nur noch mit medizinischen Tricks zu gewinnen sind. Man solle es halt nicht so dumm anstellen wie die Österreicher.

Wenn dem aber so ist, dann möge man uns zumindest mit Sprüchen wie "Vorbilder für die Jugend" verschonen. Dann soll man endlich aufhören, öffentliche Mittel in den Spitzensport zu stecken. Dann sind Spitzensportler einfach Zirkusartisten, die ihren Körper demolieren, um Geld zu verdienen. Und dann möge man uns mit dem Märchen verschonen, dass in Turin halt ein unbedeutender Narr agiert habe, von dessen Taten - samt Olympia-Visite - niemand etwas wusste.

Immerhin hat der dort sehr öffentlich agiert. Immerhin ist der -mit tatkräftiger Mithilfe der ohnedies schon lange umstrittenen Arbeitsgerichte - trotz der sogenannten "Blutbeutelaffäre" wieder auf junge Menschen losgelassen worden. Es ist mehr als nur ein Rücktritt fällig. Trotz aller Freude über die - hoffentlich fair errungenen -Siege.

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Angeklagt war David Irving. Die viel wichtigere Frage bleibt, was dieser Prozess für Österreich bedeutet. Positiv wiegt, dass unser Land zeigen konnte, wie intensiv es entgegen den Stehsätzen mancher Journalisten die Aufarbeitung der NS-Zeit betreibt. Negativ ist hingegen, dass sich Österreich mit der Bestrafung eines reinen Meinungsdelikts aus der Gruppe der voll entwickelten liberalen Rechtsstaaten ausschließt.

Denn zur Meinungsfreiheit gehört eben auch das Recht, völligen historischen Unsinn zu verzapfen. Wird dieses Recht aber einmal geschmälert, dann stellt man sich zumindest in dieser Hinsicht auf eine Ebene mit den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts. Genau von einem solchen System wollte sich Österreich aber durch die Bestrafung Irvings distanzieren.

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