Lyrik-Fixstern erster Größe: Der "menschelnde" Heine

,,Ich weiß nicht was soll es bedeuten...": Vor 150 Jahren, im Februar 1856, starb einer der größten deutschen Dichter.

Klagenfurt (OTS) - Generationen von Germanisten und Essayisten
haben sein Schaffen analysiert, sein Wesen durchleuchtet. Die sich mit ihm sowie dem Oeuvre auseinander setzende Literatur ist unübersehbar geworden; T-Shirts, Einkaufstaschen und Bierkrüge zeigen sein Konterfei. Goethe? Natürlich. Es gibt aber auch den Heinrich Heine; einige seiner Gedichte können es mit den bekanntesten des Weimarer Staatsministers durchaus aufnehmen. Heine, am 17. Februar 1856, vor 150 Jahren also, zu Paris gestorben, ist Lyrik betreffend durchaus in Goethe-Nähe zu rücken. Er hat dem Dichterfürsten sogar voraus, einer der ersten deutschen Auslandskorrespondenten gewesen zu sein. Auf jeden Fall war er der erste bedeutende deutsche Schriftsteller jüdischer Abstammung; und er zählte zum winzigen Klub der Poeten, die vom Ertrag ihrer Feder zu leben vermochten. Heute schreibt ja bald wer und lebt zuweilen nicht schlecht davon.
Den Nazis war der provozierende, viel gelesene Heine verhasst. In jeder besseren Biografie findet sich die Äußerung des "Stürmer"-Herausgebers: Julius Streicher, eine der widerlichsten Figuren des Blutregimes, titulierte den Dichter als "Judensau". Heine-Bücher zu verbrennen galt den Machthabern als Pflichtübung. Seine bekanntesten Gedichte zu töten wagten sie indes nicht. Die "Loreley" beispielsweise ließen sie weiterleben. Was mit Ich weiß nicht was soll es bedeuten, / Dass ich so traurig bin; / Ein Märchen aus alten Zeiten, / Das kommt mir nicht aus dem Sinn beginnt, versahen sie in Anthologien allerdings mit dem Hinweis "Dichter unbekannt".
An der Nazi-Epoche ist das Phänomen Heine nicht zerschellt. Inzwischen gilt ihm Aufmerksamkeit selbst jener, die mit Lyrik nicht viel anzufangen wissen. Sein Angriffs- und Ideenwitz, Heines Ironie und Ernst, Pathos und Parodie werden mitunter von Leuten vereinnahmt, denen die Quelle nicht geläufig ist. Und so nimmt es nicht wunder, dass sich Politiker, Journalisten und Werbetexter manch eines sozialkritischen Reflexes des pointensprühenden Ironikers bedienen. Denk ich an Deutschland in der Nacht, /Dann bin ich um den Schlaf gebracht ist eines der bekanntesten Zitate des am 17. Dezember 1797 als Sohn eines Düsseldorfer Kaufmannes geborenen Genies, das als "Nestbeschmutzer" Furore machte und auch deshalb ins französische Exil ging. Der Vers stammt aus "Nachtgedanken", wird mitunter falsch gedeutet, gilt der Mutter des Dichters und einem zwar abgeschriebenen, jedoch als Utopie weiterleuchtenden Vaterland.
Zum anhaltenden Erfolg Heines trägt dessen ungehemmte Ichbezogenheit, kaprizenhafte Schnoddrigkeit (die dem Meister der deutschen Sprache, Karl Kraus, Verdruss bereitete). Und: Wie bei kaum einem anderen Lyrik-Fixstern erster Größe "menschelt" es bei Heine. Knapp vor seinem Tod betrauerte der in der Pariser "Matratzengruft" Dahinsiechende das ihm vom Schicksal (Syphilis?) auferlegte Unvermögen, Geist, Bildung mit praktizierendem erotischem Freisinn, einem guten Schuss Sex zu befeuern. Noch einmal raffte er sich auf, brachte, halb gelähmt, am Schmerz verzweifelnd, eine tiefgreifende Wahrheit zu Papier, jenen so sehr menschlichen, unwiderlegbaren (und noch dazu gereimten), der Seelenfreundin "Mouche" gewidmeten Seufzer:"Worte ! Worte ! Keine Taten ! / Niemals Fleisch, geliebte Puppe, / Immer Geist und keinen Braten, / Keine Knödel in der Suppe.

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