DER STANDARD-Kommentar "Vorsicht, Rassismus-Falle" von Erhard Stackl

Der Streit zwischen Islam und Europa droht die Extremisten beider Seiten zu stärken

Wien (OTS) - Im Streit um die Mohammed- Karikaturen besteht die Gefahr, dass als Reaktion auf die Hassausbrüche in der islamischen Welt nun in Europa die Stimmung gegen den Islam insgesamt hochkocht. Europäische Werte wie die Ablehnung von Rassismus und das Hochhalten der Vernunft drohen dabei unterzugehen.

Ein Symbol dafür ist der italienische Reformminister Roberto Calderoli, der sich diese Woche im Staatsfernsehen RAI mit einer der umstrittenen Mohammed-Karikaturen auf dem T-Shirt zeigte, um, wie er sagte, "ein Zeichen für die Standhaftigkeit gegen muslimischen Extremismus" zu setzen.

Zuvor hatte Calderoli den Papst aufgefordert, gegen "die Islam-Gefahr" aktiv zu werden. Das Schlimme daran ist, dass Calderonis Ansichten nicht mehr bloß als Einzelmeinung eines Lega-Nord-Spinners abzutun sind, sondern im Kern einer zunehmend anti- islamischen Stimmung entsprechen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, sei hier noch einmal festgehalten: Die Meinungsfreiheit ist ein zentraler Wert der Demokratie. Eine Zensur findet nicht statt. Wenn jemand, ein Autor oder ein Karikaturist, wegen seiner Meinungsäußerungen tätlich bedroht wird, hat man sich als Demokrat schützend vor ihn zu stellen, auch wenn man mit dem Inhalt seiner Äußerungen nicht einverstanden ist.

Kritik ist aber auch zulässig: Die Verspottung fremder Kulturen zeugt zumindest von Ignoranz, wenn nicht von chauvinistischer Überheblichkeit. Die erfolgreiche dänische Filmemacherin Annette Olesen sagte in dieser Woche dem Berliner Tagesspiegel, sie schäme sich für Politiker ihres Landes, die Minderheiten als "Krebs" bezeichnet hätten. Das sei "Nazi-Diktion".

Doch auch im deutschen Sprachraum gibt es in Internetforen antiislamische Ausfälle, Leitartikler betonen die Überlegenheit der Europäer. Extremisten beider Seiten arbeiten offenbar Hand in Hand, um den seit Jahren an die Wand gemalten "Kampf der Kulturen" Realität werden zu lassen.

Die Behauptung, Muslime hätten gar keinen Grund, beleidigt zu sein, entspricht dem Einverständnis einer Männerrunde, selbst genau zu wissen, was frauenfeindlich ist.

Die große Zahl gebildeter und weltoffener Muslime, die sich von keinem Hassprediger gegen den Westen aufhetzen lassen, wird ignoriert. Dass nur wenige dieser gemäßigten Muslime gegen Terrorakte oder gegen antiisraelische Ausfälle ihrer Politiker demonstriert haben, ist wahr. Sie leben aber zumeist in repressiven Gesellschaften, in denen lauter Protest lebensgefährlich sein kann. Viele Gebildete ziehen deshalb auch, wenn sie dazu eine Chance bekommen, in den Westen, am liebsten in die USA.

In den viel geschmähten Vereinigten Staaten ist man, was den Respekt für Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund betrifft, viel weiter als in Europa. Der oder die Einzelne wird dort, wenn auch in extremem Wettbewerb, viel stärker nach der Leistung beurteilt. Selbst in Spitzenpositionen finden sich Menschen, die privat beispielsweise Anhänger einer obskuren Sekte sind. Aus den Reihen der Afro-Amerikaner, die so lange rassistisch unterdrückt worden sind, haben es inzwischen manche, wenn man etwa an Condoleezza Rice denkt, bis in höchste Positionen geschafft. Über die Ablehnung des Rassismus herrscht nun breiter gesellschaftlicher Konsens.

So hat denn auch der amerikanische Star-Intellektuelle Michael Ignatieff in einem vom Standard zum Jahreswechsel veröffentlichten Essay bemängelt, dass es für den Aufstieg von Zuwanderern in Europa "unüberwindliche Hindernisse" gebe. In Ländern wie Österreich, wo bereits die zweite und dritte Generation von Zuwandern aus islamischen Ländern lebt, sollten die Chancen einer freien Gesellschaft allen offen stehen.

Gegenüber den Drohungen islamischer Extremisten gilt es standhaft zu bleiben. Aber doch nicht dadurch, dass sich alle unter dumpfen Slogans wie "Pummerin statt Muezzin" vereinen.

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