Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Die Daseinsvorsorge

Wien (OTS) - Die Italiener sind nicht zu beneiden - abgesehen vom Klima, von Kunstschätzen, Sprache, Wein, Essen und ihrem Sinn für Ästhetik. Aber das alles wiegt kaum die Last auf, sich bei den bevorstehenden Wahlen zwischen deprimierenden Alternativen entscheiden zu müssen: Hier der Ministerpräsident, der sich für Jesus Christus hält und der mit (wirklichen) Neofaschisten einen Wahlpakt schließt; und dort eine chaotische Opposition, die sich in keiner einzigen Sachfrage einig ist und die mit (wirklichen) Altkommunisten einen Wahlpakt geschlossen hat. Da zieht man doch unser nur selten freundliches Wetter vor.

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Gewerkschaft und SPÖ sind mit der fast bis zur Unkenntlichkeit zertrümmerten (und daher kaum noch Arbeitsplätze schaffenden) Dienstleistungsrichtlinie der EU noch immer nicht zufrieden. Europasprecher Caspar Einem fordert nun, dass die "gesamte" Daseinsvorsorge nicht durch "das Geschäftsinteresse einiger" in Gefahr gebracht werden dürfen. In welcher Zeit lebt der Mann eigentlich? Unter dem Begriff "Daseinsvorsorge" ist ja wohl an erster Stelle die Lebensmittelversorgung zu verstehen. Einem fordert also im Klartext: Verstaatlicht alle Supermärkte und Bäckereien und Molkereien! Damit nur ja niemand daran verdient.

Irgendwie scheinen manche Menschen nicht imstande zu sein, aus der Geschichte zu lernen. Nur wenige Kilometer von Wien entfernt waren bis vor wenigen Jahren alle "Dienstleistungen der Daseinsvorsorge" allen bösen "Geschäftsinteressen" entzogen. Was zu bekannten Resultaten geführt hat. An die sich zumindest ein Mann von Einems Alter erinnern können sollte: Die Geschäfte waren leer, die gesamte "Daseinsvorsorge" hat nicht funktioniert.

Und sollte sich Einem nicht mehr erinnern, wollen wir sammeln, damit er nach Nordkorea oder Kuba reist, um die dort heute noch bestehende Totalverstaatlichung zu studieren. Es genügt aber auch ein Ausflug nach England, um die Folgen des am stärksten verstaatlichten Gesundheitssystems Europas zu sehen. Außer man schließt die Augen.

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