"Presse"-Kommentar: Eine Chance für Europa (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 18. Februar 2006

Wien (OTS) - Es gibt Antworten auf die Frage "Wer sind wir?". Aber es fehlt der Mut, sie deutlich und glaubwürdig zu geben.
Die beiden Analysen, die der amerikanische Politologe Samuel P. Huntington während der vergangenen Jahre vorgelegt hat, polarisieren die intellektuelle Welt heute wie wenige andere Bücher: Sein Titel "Clash of Civilizations" (gelegentlich abgewandelt zu "Clash of Cartoons") gehört zu den meistgebrauchten politischen Wendungen dieser Tage. Huntingtons These, dass die großen Konfliktlinien des 21. Jahrhunderts nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges entlang von religiös-kulturellen Grenzen verlaufen, wird, so scheint es, umso wütender abgelehnt, je mehr sie sich bestätigt.
In seiner jüngsten Arbeit stellt er die Frage "Who are we?". Sie erhebt sich angesichts der Veränderung der Mehrheitsverhältnisse in der amerikanischen Gesellschaft - weg von der europäisch-protestantischen Einwandererkultur der früheren Jahrhunderte hin zu einer hispanischen Dominanz infolge mächtiger Einwanderungswellen aus dem Süden - und bewegt diesseits und jenseits des Atlantiks sowohl die akademischen Diskurse als auch den öffentlichen Meinungsstreit.
Das hat damit zu tun, dass mit Huntingtons Analysen ein Paradigmenwechsel einhergeht: Die konservative Idee einer nationalen Identität, die auf ethnische, religiöse und kulturelle Zugehörigkeiten aufbaut, ist dabei, sich nach einer langen Durststrecke wieder durchzusetzen. Die linke Idee, dass eine Kombination aus forciertem Individualismus, religiöser Indifferenz und offensiver Multikulturalität eine bessere Gesellschaft hervorbringen würde als die "reaktionäre" Ordnung der Nachkriegsjahrzehnte, zerbricht derzeit gewissermaßen täglich an der politischen Realität.
Treibende Kräfte dieser Entwicklung sind einerseits die expansiven Strömungen eines fundamentalistischen Islam und andererseits der evangelikale Protestantismus in den Vereinigten Staaten, der während der Amtszeit von George W. Bush entscheidenden Einfluss auf die amerikanische Innen- und Außenpolitik gewonnen hat.
Europa, das zeigt sich am verhaltenen Agieren der Europäer in den großen Krisensituationen der vergangenen Jahre - Irakkrieg, Iran-Krise, Hamas-Sieg, Karikaturenstreit -, steht einigermaßen hilflos zwischen diesen beiden vitalen Strömungen und ist damit beschäftigt, die eigene Identitäts-, Legitimations- und Wachstumskrise zu bedauern, für die es keine Lösung hat. Klar scheint nur, dass es "den Westen" bis auf Weiteres nicht mehr gibt: Die Vorstellung eines selbstverständlichen politisch-kulturellen Gleichklangs zwischen Europa und den Vereinigten Staaten lässt sich nicht mehr aufrechterhalten.
Europäische Politiker mit populistischem Gespür, wie der ehemalige deutsche Kanzler Gerhard Schröder und der französische Präsident Jacques Chirac, haben früh erkannt, dass in einer solchen Situation aus einer scharfen Abgrenzungsrhetorik zu den USA politisches Kapital zu schlagen ist. Allerdings haben sie es jeweils für ihre kurzfristigen innenpolitischen Ziele eingesetzt, statt es dem Aufbau einer eigenständigen europäischen Identität zur Verfügung zu stellen. So spannend und gewinnbringend es wäre, Europa als jenes Ensemble im internationalen politischen Konzert zu positionieren, das auch angesichts neuer Bedrohungsbilder nicht der Versuchung unterliegt, die fundamentalen Errungenschaften von liberaler Demokratie, individueller Freiheit und kultureller Offenheit einem vagen Versprechen von Sicherheit zu opfern, so sehr mangelt es den Europäern an Bereitschaft, für diese Überzeugungen zu kämpfen und dabei etwas zu riskieren. Es dominiert die Defensive: Man kritisiert die Amerikaner, ohne selbst über wirksame politische oder militärische Interventionsinstrumente zu verfügen. Und man missversteht die kulturelle Offenheit gegenüber den aggressiven Strömungen der islamischen Welt als Appeasement-Politik, die von den Scharfmachern nur als Freibrief für weitere Provokationen verstanden werden kann.
Aus den Reaktionen auf die Karikaturenaffäre lässt sich als Sukkus eine Position ablesen, die das Zeug dazu hätte, so etwas wie eine europäische Identitätsurkunde zu werden: Respekt vor der sinn- und wertestiftenden Kraft der Religionen, aber größte Festigkeit gegenüber allen Versuchen von Religion und Ideologie, sich über die Prinzipien der liberalen Demokratie zu stellen. Was fehlt, sind der erkennbare Wille und die strukturellen Voraussetzungen, diese Position mit allen Mitteln durchzusetzen. Vor allem, wenn dazu auch die militärische Drohung gehört.

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