Clubs der Wittgenstein-Preisträger: Brief an Frau Bundesminister Gehrer

Wien (OTS) - An Frau
Bundesminister Elisabeth Gehrer
Bundesministerium für Bildung
Minoritenplatz 5
A -1014 Wien

Sehr geehrte Frau Bundesminister,

ich wende mich mit dem Appell an Sie, die Entscheidungen zum "Institute of Technology Austria" noch einmal zu überdenken. Die Entwicklung dieses als Exzellenz-Zentrum geplanten Instituts nimmt einen ausgesprochen unglücklichen Verlauf.

Das von Seiten der wissenschaftlichen Proponenten (Anton Zeilinger, Peter Schuster, Arnold Schmidt) vertretene Konzept enthielt als Kernpunkt, dass die inhaltlichen Entscheidungen in einem solchen Institut ausschließlich aufgrund wissenschaftlicher Kriterien getroffen werden, unabhängig vom Kräfte-Parallelogramm der österreichischen Politik. Der Eklat rund um die Entscheidung für den Standort Maria Gugging und das Ausscheiden der wissenschaftlichen Proponenten zeigen aber deutlich, dass die Dinge sich in eine andere Richtung bewegen.

Von Anfang an war klar, dass die Gründung einer erfolgreichen Exzellenz-Institution ein schwieriger und risikoreicher Versuch sein würde. Eine notwendige Voraussetzung dafür war immer, dass die Politik weise genug ist, die Entscheidungen von Seiten der Wissenschaft zu unterstützen und nicht zu konterkarieren.

Vielleicht war es naiv, darauf zu hoffen, dass die politschen Entscheidungsträger in nobler Zurückhaltung freiwillig auf die Ausübung von Macht verzichten würden. Doch ein Blick über die Grenzen macht hoffnungsvoll. In Deutschland, wo ebenfalls eine heftige Diskussion über die Schaffung von wissenschaftlichen Exzellenzzentren geführt wird, ist der Entscheidungsprozess klipp und klar so geregelt, dass die Auswahl über die zu fördernden Forschungsgruppen von advisory boards getroffen werden, die mit internationalen WissenschafterInnen besetzten sind, ohne jede Vermischung mit lokalen Interessen.

Ein Beispiel dafür, dass auch in Österreich so etwas funktionieren kann, sind die Wittgenstein- und Start-Preise, die im Auftrag des BMBWK durch den Wissenschaftsfonds FWF vergeben werden. Die Preisträger werden von einer hochkarätigen internationalen Jury ausgewählt, der kein einziges in Österreich tätiges Mitglied angehört. Bei dieser Gelegenheit sei am Rande angemerkt: Die Namensgebung für den Wittgenstein-Preis spiegelt das weite Spektrum dieses Preises wider, der für Leistungen aus dem gesamten Bereich der Wissenschaft vergeben wird.

Für die zukünftigen Entscheidungen über das nunmehr in Maria Gugging geplante Institut lässt die Vorgangsweise rund um die Standortwahl nichts Gutes erwarten. Es stehen ja wichtige Personal-Entscheidungen an, insbesondere die Auswahl einer GründungsrektorIn. Von Seiten Zeilinger, Schuster und Schmidt ist immer mit Nachdruck vertreten worden, dass diese Entscheidung nach rein wissenschaftlichen Kriterien fallen muss. Es kommt dafür nur eine Person in Frage, die sowohl wissenschaftlich als auch im Management von Wissenschaftsinstitutionen hervorragend qualifiziert ist. Es war auch immer klar, dass diese Person nicht aus Österreich kommen soll, und dass die Auswahl der GründungsrektorIn von einem prominent besetzten internationalen advisory board getroffen werden muss. Dieser Auswahl kommt eine zentrale Bedeutung zu, da die GründungsrektorIn dann frei und unabhängig von lokalen Interessen die Entscheidungen über die Forschungsgruppen treffen muss.

In all diesen Prozessen steckt viel Risiko, das sich nur durch optimale Voraussetzungen in verantwortbarer Weise minimieren läßt. Aber gemäß dem ursprünglichen Plan gäbe es eine reale Chance, tatsächlich ein Spitzen-Institut auf die Beine zu stellen.

Nachdem aber inzwischen so viel Porzellan zerschlagen wurde, steht zu befürchten, dass die Dinge einen ganz anderen Lauf nehmen. Es wäre unverantwortlich, wenn eine Investition in die Wissenschaft in der Grössenordnung von einer halben Milliarde Euro sehenden Auges auf einen sub-optimalen Weg geführt wird.

Daher lautet der dringende Appell an alle Entscheidungsträger, nicht auf den gefassten Beschlüssen zu beharren. Gegen den einhelligen Widerstand der aktiven WissenschafterInnen dieses Projekt erzwingen zu wollen kann zu keinen guten Ergebnissen führen.

Es ist grundsätzlich sehr zu begrüssen, dass der politische Wille für wissenschaftliche Exzellenz da ist. Aber bitte heraus aus dieser Sackgasse, um die notwendigen Strukturen für ganz Österreich im Konsens zu schaffen.

Mit freundlichen Grüßen,

Walter Schachermayer
Sprecher des Clubs der Wittgenstein-Preisträger.

Der jährlich vom Fonds für wissenschaftliche Forschung (FWF) vergebene Wittgenstein-Preis ist mit je 1,5 Mio Euro für Forschungszwecke dotiert. Der Preis wurde bisher an 18 Personen verliehen.

1996: Erwin F. WAGNER Z15 Morphogenese des Säuger-Gesichts Ruth WODAK Z18 Diskurs, Politik, Identität 1997: Antonius und Marjori MATZKE Z21 Epigenetische Inaktivierung von Transgenen in Pflanzen Erich GORNIK Z24 Halbleiter-Nanoelektronik 1998: Georg GOTTLOB Z29 Informationssysteme und Künstliche Intelligenz Peter ZOLLER Z30 Theoretische Quantenoptik und Quanteninformation Walter SCHACHERMAYER Z36 Stochastische Prozesse in der Finanzmathematik 1999: Kim Ashley NASMYTH Z39 Zellzyklus bei Hefe 2000: Andre GINGRICH Z49 Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse Peter Alexander MARKOWICH Z50 Angewandte Mathematik 2001: Heribert HIRT Z57 Zellteilungskontrolle in Pflanzen Meinrad BUSSLINGER Z58 Molekulare Mechanismen der Zelldeterminierung 2002: Ferenc KRAUSZ Z63 Quantenoptik: Ultraschnelle und Starkfeldprozesse 2003: Renée SCHROEDER Z72 RNA Faltung und Katalyse, RNA bindende Antibiotika 2004: Walter POHL Z91 Frühmittelalterliche Geschichte und Kultur 2005: Barry J. DICKSON Z98 The development and function of neural circuits Rudolf GRIMM Z106 Atomare und molekulare Quantengase

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