"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Schwere Turbulenzen" (Von Kurt Horwitz)

Augabe vom 17.02.2006

Wien (OTS) - Die Flugzeuge der AUA kamen im Vorjahr zwar etwas pünktlicher an als 2004, nicht aber die Koffer der Passagiere. Für mehr als 14 von jeweils tausend Koffern gilt weiterhin der alte Scherz: Frühstück daheim, Mittagessen in London, Koffer in Singapur. Dieses Problem wird sich durch bessere Organisation auf den Flughäfen hoffentlich in den Griff bekommen lassen. Ob die AUA allerdings auch noch in einem Jahrzehnt auf eigenen Schwingen unterwegs sein wird oder nur als Anhängsel einer mächtigen europäischen Airline-Gruppe, ist völlig offen.
Klar ist seit der Entscheidung des Aufsichtsrats über die Nachbesetzung des scheidenden Generaldirektors Vagn Sörensen, was der Bund als Hauptaktionär will. Siemens-Manager Alfred Ötsch steht für einen eigenständigen Kurs der österreichischen Fluggesellschaft. Dass der Finanzexperte einstimmig als Wunschkandidat gekürt wurde, ist ein klares Signal.
Auf den gebürtigen Österreicher mit internationaler Konzernerfahrung warten indes heftige Turbulenzen. Er muss das fliegende Personal von Gehaltsabstrichen überzeugen, damit sich die AUA auch im Wettbewerb mit Billigfluglinie behaupten kann. Er muss die Flotte vereinheitlichen: Die Mischung unterschiedlicher Flugzeugtypen, die aus dem Aufschnupfen von Lauda Air, Tyrolean und Rheintalflug entstanden ist, verursacht hohe Wartungskosten. Nicht zuletzt gilt es, neue lukrative Destinationen ausfindig zu machen und sich gegen den mächtigen "Star-Alliance-Partner" Lufthansa zu behaupten.
Viele Experten sind überzeugt, dass in Europa mittelfristig maximal drei eigenständige Fluggesellschaften überleben werden: Lufthansa, British Airways und Air France/KLM.
Offen ist dabei zweierlei: Braucht Österreich überhaupt eine nationale Fluglinie - und können wir sie uns leisten? Letzteres wird davon abhängen, ob es dem neuen Chef im AUA-Cockpit gelingt, die Mitarbeiter zu motivieren und trotzdem die Kosten in den Griff zu bekommen.
Über den Nutzen der rot-weiß-roten Heckflosse mag man geteilter Meinung sein. Sicher ist es angenehm, nach einer längeren Auslandsreise schon in einem AUA-Flugzeug wieder heimatlichen Boden unter die Füße zu bekommen. Letztlich entscheiden aber Pünktlichkeit, Sicherheit, Bequemlichkeit, Service und nicht zuletzt der Preis über die Wahl der Fluggesellschaft.
Womit wir wieder beim neuen Chef sind. Er muss für einen attraktiven Flugplan, niedrige Kosten und günstige Preise sorgen. Gelingt ihm das, werden Passagiere und Aktionäre es ihm zu danken wissen, und auch die Mitarbeiter(innen) sollten ihm dafür die Hände küssen. Andernfalls könnte er ähnlich wie Gerhard Randa bei der BankAustria sehr rasch zum Totengräber eines Flaggschiffes der österreichischen Wirtschaftslandschaft werden.

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