DER STANDARD-Kommentar "Wittgenstein ist tot" von Michael Völker

"Und die Elite-Uni ist es auch: Die Regierung hat ihr Prestigeobjekt in den Sand gesetzt" - Ausgabe 16.2.2006

Wien (OTS) - Schlussendlich geht es nur noch darum, Anfang Oktober ein Band durchschneiden zu können, und zwar in Niederösterreich, in der richtigen Besetzung: Mit dem schwarzen Landesfürsten, dem Bundeskanzler und der Bildungsministerin. Jedenfalls rechtzeitig vor der Nationalratswahl und nicht mit dem ungeliebten Wiener Bürgermeister.

Das Projekt einer Elite-Uni war von seinen Initiatoren, den Wissenschaftern Anton Zeilinger und Josef Penninger, mit Sorgfalt vorangetrieben und vorbereitet worden, ehe es ihnen von der Politik aus der Hand genommen und im Eiltempo in Gugging versenkt wurde, und zwar aus kleinkarierten politischen Motiven, ganz im Widerspruch zu den hehren Ansprüchen einer solchen Einrichtung. Aber die Elite-Uni musste unbedingt noch in dieser Legislaturperiode präsentiert werden, selbst wenn man in der Landesnervenheilanstalt Gugging vorerst nur ein Namensschild an einem Verwaltungsbüro anbringen kann.

Was hätten Schüssel und Co davon gehabt, wenn sie sich für den besseren Standort Aspern in Wien entschieden hätten? Nur das Risiko, bei der Eröffnung nicht mehr als Regierungsmitglieder dabei zu sein. Also musste es Gugging sein, das befriedigt immerhin auch Erwin Pröll.

Das elitäre Prestigeprojekt der Bundesregierung wird übrigens doch nicht "Wittgenstein Institute of Technology Austria (WIT)" heißen, wie es im ersten Gesetzesentwurf festgeschrieben war. Das wäre zwar ein hübscher Name gewesen, dessen Findung zeigt aber sehr anschaulich die Herangehensweise der Regierung auf: überhastet, undurchdacht, konzeptlos. Erwin Schrödinger war zwar schon auf dem Tausender, die Rechte am Namen des Physikers sind aber ungeklärt.

Also Wittgenstein. Immerhin stellt WIT eine Assoziation zu MIT, dem bekannten Massachusetts Institute of Technology her, und WIT klingt allemal besser als SCHIT, wenn Schrödinger zum Zug gekommen wäre.

Der Chemiker und Nobelpreisträger Max F. Perutz käme auch noch infrage. Ein jüdischer Name soll ja durchaus recht sein: Wenn’s nichts nützt, so schadet’s auch nichts. Was damit besagt werden soll, kann man noch im Nachhinein überlegen und argumentieren. Aber das soll jetzt, nach dem ersten Bauchfleck, eine Kommission entscheiden. Für Elisabeth Gehrer gilt: Nur nichts mehr selbst entscheiden. Zu Recht.

Das Projekt einer Elite-Universität, so wie es die Regierung betreibt, ist aber ohnedies so gut wie tot - egal, wer als Namensgeber dafür herhalten muss. Denn auch zeitgenössische Wissenschafter von Format werden nach dieser Vorgeschichte den Weg nach Gugging scheuen - selbst wenn Landeshauptmann Pröll seine Ankündigung wahr macht und eine Busverbindung bis ins Wiener Zentrum einrichtet.

Insgesamt 39 österreichische Wissenschafter, die im Ausland tätig sind, haben gemeinsam an die Regierung appelliert, von Gugging Abstand zu nehmen. Sehr wohl haben diese Wissenschafter die "politische Motivation" der Standortentscheidung durchschaut und raten zu einem anderen "exzellenten" Umfeld. Die Regierung sollte auf diese Wissenschafter hören - wird es aber nicht tun. Genau das ist ihr Problem.

Diese 39 Wissenschafter, darunter die profiliertesten, die Österreich hat, wären als Vortragende die Zielgruppe für eine heimische Elite-Uni. Und diese 39 wissen jetzt einmal mehr, warum sie im Ausland forschen und lehren, und nicht in Österreich.

Den ursprünglichen Initiatoren des Projekts einer "Exzellenz-Universität", den Professoren Zeilinger und Pennninger, kann man vorwerfen, politisch naiv gewesen zu sein, indem sie auf die gute Absicht der Regierung vertrauten. Aber man muss ihnen zugute halten, dass sie unverzüglich abgesprungen sind, als sie erkannt haben, wie sie für Parteipropaganda instrumentalisiert werden sollten. Immerhin haben sie einen guten Ruf zu verlieren. Die Regierung lebt mit ihrem mittlerweile ganz ungeniert.

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