Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Land der Klagen

Wien (OTS) - Der Wetterbericht verspricht endlich wieder
frostfreie Tage. Super. Noch schöner wäre es, wenn die politischen Akteure klagefreie Tage versprechen würden. Tage ohne Zivilklagen oder Anzeigen; Tage ohne Klagen der Arbeiterkammer, wie furchtbar alles im Lande ist.

Staatsanwälte stehen in Wahljahren wohl ständig in Versuchung, alle "Sachverhaltsdarstellungen" sofort im Altpapier-Container zu entsorgen - wenn ein Politiker als Absender aufscheint.

Noch häufiger als Politikerrufe nach der Strafjustiz bekommt man Klagelieder der Arbeiterkammer zu hören. Nähme man diese alle ernst, wäre Österreich schon lange in kollektive Depression verfallen. Gefährlicher Staub, Verschleuderung österreichischen Eigentums, schlechte Lehrlingsausbildung, kranke Pendler, unbeheizte Züge, Pensionsraub, Diskriminierung der Frauen in Aufsichtsräten. Nichts lassen die von Pflichtbeiträgen aller Arbeitnehmer ziemlich gut lebenden Kämmerer aus - mit einer Ausnahme: Die Gemeinde Wien bleibt völlig ungeschoren. Selbst deren drastische Gebührenerhöhungen ringen der AK nach einem Tag betretenen Schweigens nur die devote Bitte ab, künftig die Erhöhungen nicht an den Verbraucherpreisindex zu koppeln, sondern nur wirkliche Kostensteigerungen zu verrechnen. Ein skurriles Verlangen: Denn auch die jetzigen Erhöhungen orientieren sich an den "Kosten" - und liegen weit über dem Index (Was klar ist, wenn man sieht, wie in Gemeinde-Betrieben gewirtschaftet wird).

Sorgen muss man sich um die Panikmeldungs-Verfasser der AK machen, sollte es zu Rot-Grün kommen. Wartet dann die Frühpension auf sie?

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Für große Erregung sorgen die neuen Selbstbedienungsautomaten bei der Bahn. Von der "Krone" bis zu den Pensionistenvereinen gelten sie als typisches Beispiel neoliberaler Brutalität auf dem Rücken der kleinen Leute. Dass es bei den Wiener Linien seit Jahrzehnten keine Schaffner mehr gibt, sondern nur noch Automaten und Kontrollore, stört hingegen keinen der Besorgnisträger.

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