"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Kanzlerin punktet kräftig mit dem Außenminister-Bonus" (Von Stefan May)

Ausgabe vom 08.02.2006

Graz (OTS) - Das Äußerliche unterstreicht ihre Entwicklung: Angela Merkel gehört zu jenen Menschen, die mit zunehmendem Alter attraktiver werden, freilich unterstützt durch konsequente Arbeit am eigenen Auftreten und Erscheinen. Das wird deutlich, wenn man Fotos der Stationen auf ihrem Lebensweg betrachtet: Eine verschreckt wirkende lispelnde junge Frau in unvorteilhafter Kleidung war sie am Beginn ihrer Karriere, als sie aus dem Nichts des untergehenden Ostdeutschland auftauchte.

Nicht viel besser war "Kohls Mädchen" in späteren Jahren, unsicher an ihrer Kleidung zupfend. Und noch im Wahlkampf des vorigen Jahres konnte sich kaum jemand vorstellen, dass die uncharismatisch und hölzern agierende Frau auf dem Podium vorne einmal einen der wichtigsten Industriestaaten dieser Welt führen sollte. Der zuletzt heftigste Zweifler war Merkels Vorgänger Gerhard Schröder: Als Verlierer am Wahlabend wollte er wie ein trotziges Kind die Widersacherin vom Verhandlungstisch wischen: "Sie kann es nicht", waren seine inzwischen geflügelt gewordenen Worte.

Sie kann es doch, sagen jetzt 80 Prozent der Deutschen. Solche Umfrageergebnisse sind Traumzahlen. Angela Merkel macht gute Figur:
Da findet sie einen Finanzkompromiss beim verfahrenen EU-Gipfel, dort tadelt sie die Großen der Welt, wo es sein muss - Bush wegen Guantanamo, Putin wegen Tschetschenien.

Merkel vermittelt im Nahostkonflikt, entzieht sich der berechnenden Charmeoffensiven Chiracs oder Schüssels. Klare Worte schließlich an diesem Wochenende beim männerdominierten Sicherheitsgipfel in München Richtung Iran. Merkel bleibt Merkel und damit authentisch. Das merken ihre Landsleute und honorieren es.

Allerdings: Es ist Kanzlerbonus dabei, mehr jedoch Außenministerbonus. Denn alle ihre Erfolge bisher sind außenpolitische. Und weil der eigentliche Ressortchef mehr biederer Verwalter seines Amts als Selbstdarsteller ist, vereint Merkel in sich die Beliebtheit, in der sich früher Kanzler Schröder und Außenminister Fischer sonnten. So unüblich gering ist denn auch die Popularität, die Frank- Walter Steinmeier genießt. Ist doch der Außenminister traditionell "Deutschlands Darling", egal, welcher Partei er bisher angehörte.

Innenpolitisch hält sich Angela Merkel meist hinter den Kulissen auf. Sollte sie sich demnächst auf der Bühne exponieren und ihr kein gutes Bild gelingen, könnte es mit der Beliebtheit wieder bergab gehen. Nichts ist treuloser als Wählersympathie.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001