DER STANDARD-KOMMENTAR "Problem der Zwangsbeglückung" von Johanna Ruzicka

Soll bei Gentechnik gelten, was für Elektrosmog gilt - nämlich nichts? - Ausgabe vom 8.2.2006

Wien (OTS) - Man muss kein Körndlfreak sein, der sich ausschließlich aus dem Bioladen ernährt, wenn einem die weltweiten Vorgänge rund um Gentechnisch veränderte Organismen (GVO) zuweilen sauer aufstoßen. Und ein bisschen zögerlich wird man als europäischer Konsument wohl noch sein dürfen, insbesondere wenn es um Lebensmittel geht, also etwas, das wir tagtäglich zu uns nehmen.

Trotzdem hat die europäische Haltung eine offene Flanke. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es noch immer nicht gelungen, einen wissenschaftlich fundierten Beweis dafür zu erbringen, dass Gentechnisch veränderte Organismen in Lebensmitteln dem Menschen Schaden zufügen oder in der Natur einen Prozess bewirken, der negativ ist.

Die Position Europas, zuzuwarten bis stichhaltige wissenschaftliche Beweise in irgendeine Richtung weisen, und währenddessen auf allen Ecken und Enden halbherzige Hemmschwellen für die Einführung von GVO einzuführen, ist nicht das Gelbe vom Ei. Denn dann müsste man beispielsweise Handys und die dazugehörenden Funkmasten verbieten. Schließlich meinen die Gegner der Mobiltelefonie, dass der "Elektrosmog" Zivilisationskrankheiten wie Krebs verursache - ohne bisher den Beweis dafür erbracht zu haben.

Gentechnik, darüber muss man sich klar sein, ist nicht aufzuhalten. Nicht in der Pharmaindustrie, wo enormes Potenzial gesehen wird, und auch nicht in der Landwirtschaft. Der Bedarf an GVO ist auch in Europa gegeben und viele Mitglieder bauen bereits GVO-Futtermittel an. Über kurz oder lang werden europäische Lebensmittel auf Genbasis in den Regalen stehen, gekennzeichnet natürlich.

Und wenn der Preis stimmt, werden diese Produkte ihre Käufer finden. Verstärkt wird der Bedarf durch den Willen der EU, auf einen Energiemix zu setzen, der stärker auf nachwachsende Rohstoffe wie Mais oder Raps setzt. Diese Grundmaterialien werden logischerweise GVO-Produkte sein, weil dabei Fehlerquellen und Ausschuss klein gehalten werden können - behaupten jedenfalls die Agrokonzerne, die in ihren Labors entsprechende Konstrukte züchten. Der Bauer als Energielieferant wird auf GVO-Produkte setzen (müssen), will er als Energielieferant gegen die internationale Konkurrenz bestehen.

Es war ein kluger Schachzug der GVO-Großmächte USA, Kanada und Argentinien, die Welthandelsorganisation anzurufen und Handelshemmnisse anzuklagen. Nur muss betont werden, dass die Frage "Gentechnik ja oder nein?" nicht auf reine Fragen des Marktzuganges reduziert werden kann, solange die Gefährlichkeit gentechnisch veränderter Pflanzen im Raum steht. Freie Marktwirtschaft hat ihre Grenzen dort, wo es um Gesundheit, um Umwelt und um humanitäre Anliegen geht. Aber kulturelle Sensibilität gegenüber Ländern und deren Einstellungen war noch nie etwas, das die WTO ausgezeichnet hat.

Damit liegt der Ball bei einer EU-Politik, die eine Parallelität von konventioneller Landwirtschaft mit gentechnisch aufgepeppter Agrarindustrie möglich machen muss, und das ist schwierig genug. Der europäische Konsument will beim Lebensmitteleinkauf nicht zwangsbeglückt werden, er lehnt gentechnisch veränderte Lebensmittel mehrheitlich ab. Das ist als politischer Auftrag zu verstehen und birgt auch Chancen.

Die derzeit auf freiwilliger Basis agierenden gentechnikfreien Regionen, die politisch ein gerade noch gelittenes Schattendasein führen, sind ein guter Anfang. Diese Regionen in die politische Diskussion einzubinden, ihnen ein Mitspracherechte zu geben und von ihrem Erfahrungsschatz zu profitieren, ist hoch an der Zeit.

Denn große Fragezeichen bei der Gentechnik-Diskussion stehen auch über den Folgen "wilder" Kreuzungen zwischen GVO-Produkten und ihrem Nicht-GVO-Pendant in der freien Natur. Ein Prozess, der irreversibel ist, wenn er einmal stattgefunden hat. Und das können nicht einmal Gentechnik-Befürworter wollen.

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