"Kleine Zeitung" Kommentar: "Islam muss erst durch das Feuer der Aufklärung gehen" (Von Hans Winkler)

Ausgabe vom 06.12.2006

Wien (OTS) - Moslems in aller Welt sind im Aufruhr. Aus den Protesten gegen eine Karikaturenserie in einer dänischen Zeitung sind in vielen moslemischen Ländern wilde Ausschreitungen gegen westliche Einrichtungen geworden. Nach dem Boykott dänischer Waren brennen nun dänische Botschaften.

Die jeweiligen Regime, die meistens nicht sehr religiös und noch weniger populär sind, schüren die Empörung. Die Wut auf "den Westen" eignet sich als willkommenes Ventil für vielerlei Unzufriedenheiten und politische Missstände. Beim Schutz westlicher Einrichtungen zeigen sie aufreizend wenig Einsatz.

Der eigentliche Anlass der Hysterie und das Problem für den Westen sind über den erschreckenden Bildern fast aus den Augen geraten: Wie wird die Pressefreiheit gegen Ansprüche eines totalitären Staatsverständnisses verteidigt?

Eine Bresche haben die islamischen Staaten in die westliche Auffassung von Unabhängigkeit der Presse vom Staat schon geschlagen. Die begründete Entschuldigung der Zeitung war ihnen nicht genug, sie verlangten eine von der dänischen Regierung.

Diese musste sich aus Sorge um die Sicherheit ihrer Bürger und ihrer Interessen in den jeweiligen Ländern und aus Angst vor weiteren Erpressungen dazu bereitfinden. Damit
hat sie eingestanden, dass die Pressefreiheit nicht für sich steht, sondern staatlicher Räson zu gehorchen hat. Nicht sehr erleuchtet haben sich auch andere europäische Politiker "entschuldigt".

Selbstverständlich gebietet die Pressefreiheit den Respekt vor jeder Religion und ihren Gläubigen. Das gilt für den Islam so wie für das Christentum. Die Christen mussten in den letzten Jahren ohnehin manche Verächtlichmachung ihres Glaubens tolerieren lernen.

Nicht inbegriffen in diesem Respekt ist aber, das islamische Verbot der bildlichen Darstellung des Propheten auch den Nicht-Moslems aufzuerlegen. Es kann legitimerweise eine Außensicht auf eine Religion geben, die sich von deren Innensicht unterscheidet. Das müssen Gläubige aushalten.

Damit ist der Kern der Auseinandersetzung berührt. Europa hat in den letzten Jahrhunderten
schmerzvoll, aber befreiend gelernt, zwischen Staat, Religion und Gesellschaft zu unterscheiden und diese Trennung als Garant für inneren Frieden, Fortschritt und politische wie geistige Freiheit zu schätzen. Das Christentum ist durch das Feuer der Aufklärung gegangen, einen Weg, den der Islam auch in Europa noch vor sich hat.****

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