Das Land an der Grenze

"Presse"-Leitartikel von Oliver Pink

Wien (OTS) - Zweisprachige Ortstafeln mögen sie nicht, Jörg
Haider schon: Warum die Kärntner so anders sind.

Wer in früheren Zeiten nach Kärnten einreisen wollte, musste, woher er auch immer kam, fast durchwegs eine Höhe von 1000 Metern überwinden. Ob diese Abgeschlossenheit die geistige Enge des Landes erklärt? Mag sein. Sicher ist, dass das seltsame Völkchen im Süden für Fremde oft nur schwer zu verstehen ist.
Wieso wehrt man sich so gegen die zweisprachige Ausschilderung eines kleinen Landesteils? Weshalb kann Jörg Haider dies zu seinen Gunsten nützen? Und warum ist dieser Politiker, dessen Partei in Rest-Österreich selbst zur Minderheit verkommt, hier noch immer Landeshauptmann?
Der Boden hiefür wurde lange zuvor aufbereitet. Kärnten ist seit jeher freiheitliche Urgesteinsschicht. Bereits in der 1. Republik stellte das Dritte Lager mit Arthur Lemisch, Vinzenz Schumy und Ferdinand Kernmaier drei Landeshauptleute.
Der Keim dafür war während der Gegenreformation gelegt worden, die hier rücksichtslos wütete. Für die Kärntner, zuvor fast vollständig protestantisch, ein Quell des Zorns. Wien, Habsburg, die katholische Kirche - das waren fortan die Feindbilder der freisinnigen, mit Sehnsucht nach Deutschland schielenden Mehrheit. Was auch erklärt, warum die Christlich-Sozialen bis heute kaum Fuß fassen konnten. Die Bürgerlichen sammelten sich eher hinter den National-Liberalen. Die Slowenen, katholisch, kleinbäuerlich, konservativ, kaisertreu standen auf der anderen Seite.
Wobei dazu gesagt werden muss: Bis 1848 hatte es in Kärnten so gut wie keinen Sprachenkonflikt gegeben. In friedlicher Koexistenz lebten Deutsch-Kärntner und Slowenisch-Kärntner miteinander. Ja, man war sogar stolz auf die lange Landesgeschichte. Als "ostarrichi" 996 das erste Mal urkundlich erwähnt wurde, war Kärnten schon 300 Jahre alt -gegründet als slawisches Fürstentum Karantanien. Erst die Idee des Nationalismus - auf beiden Seiten - entzweite die Bürger Kärntens. Im 20. Jahrhundert eskalierte dann die Lage. Die Nazis siedelten die Slowenen aus. Und zweimal - nach dem 1. und dem 2. Weltkrieg -standen südslawische Truppen im Land. Daher rührt die oft beschworene Kärntner "Urangst". Der dumpfere Teil der Bevölkerung bezog diese auf alles Slawische, der aufgeklärtere auf das diktatorische System Jugoslawiens. Es gab sie jedenfalls. Und der Oberösterreicher Jörg Haider hat sie natürlich nicht. Doch er spielt damit, wenn er von Schul-Atlanten schwadroniert, die Südkärnten angeblich als slowenisches Territorium ausweisen. Angesichts des EU-Nachbarn Slowenien ist diese Angst heute allerdings unbegründet.
Persönlich dürfte Haider die Ortstafel-Frage egal sein. Sie dient ihm zum Stimmenfang. Doch das gekonnte Spiel mit der nationalen Karte allein erklärt noch nicht seinen Erfolg in Kärnten.Mit 42,5 Prozent wurde er 2004 wiedergewählt. Einerseits hatte der Bundesliga-Politiker Haider in Peter Ambrozy (SPÖ) einen biederen Landesliga-Vertreter zum Widerpart. Andererseits verstand er es, seine Partei (ob nun FPÖ oder BZÖ), als die Landespartei zu etablieren. Kärntner Anzug, Kärntner Landesfarben, die Beschwörung aller denkbaren Kärnten-Klischees fehlen auf keinem Haider-Event. So ähnlich macht es die CSU in Bayern. Die Kärntner wollen einen Show-Politiker, und den bekommen sie auch. Im letzten Landtagswahlkampf blieb kaum eine Hand ungeschüttelt. Seine Rund-um-die-Uhr-Tour kam an. Den Landesvater spielt er jedenfalls überzeugend.

Stets gut gelaunt, bisweilen halblustig, andererseits aufmüpfig und Fremdem gegenüber misstrauisch - so gibt sich der Kärntner gerne. Ein Parade-Beispiel dafür: die Gebrüder Scheuch. Kurt, der "Reißwolf von Knittelfeld", heute Klubchef im Landtag, ist der vorlaute Rebell. Uwe, der BZÖ-Bundessprecher, ist der Sonnyboy mit gelegentlichen Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache ("Der Souverän geht vom Volk aus"). Obwohl aus alter nationaler Familie stammend (Großvater Robert war zuerst hoher NS-Funktionär, dann Kärntner VdU-Obmann) entschieden sich die Scheuchs nicht für die FPÖ, sondern für das BZÖ. Denn dieses wirkt einfach modischer - was der Kärntner ja gerne ist. Und er wähnt sich auch gerne auf der Seite der Sieger. Und dieses Gefühl vermittelt Jörg Haider in Kärnten - machtpolitisch wie personalpolitisch - noch allemal.
So ähnlich war es zu Zeiten der Absoluten der SPÖ. Einer Partei, deren Basis einst (auch untypisch!) Kleinbauern, Knechte und Mägde bildeten und die später viele Nationale ansprach. Je machtbewusster die SPÖ agierte, desto mehr Zulauf hatte sie.
Bis Jörg Haider kam - der dieses Geschäft fast noch besser versteht.

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