"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Fehlstart der Elite-Uni von Maria Gugging" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 04.02.2006

Graz (OTS) - Natürlich lädt die Wahl des Standortes für den künftigen Exzellenz-Tempel zu flottem Oberstufen-Spott ein: Unser Klein-Harvard soll also Maria Gugging heißen und ist eine Anstalt, die Nerven heilt und ziemlich weit draußen vor den Toren Wiens liegt, fernab eines Technologie-affinen Umfeldes. Und natürlich ertönt höhnend die Frage, ob denn die geografische, lautmalerische und önologische Anziehungskraft des Ortes ausreichen werde, um Wissenschafter von Weltruf für die Forschungsstätte zu gewinnen.

An diesen Einwänden klebt großstädtische Gekränktheit. Dass Aspern bei Wien, das leer ausging, mehr Weltläufigkeit besäße und mehr urbanen Duft versprühe, ist blanke Mutmaßung. Provinz ist nichts Örtliches, sondern ein geistiger Zustand, das zeigt das Beispiel des Forschungsinstitutes Garching, phonetisch nicht weit weg von Gugging, und auch weit draußen vor den Toren Münchens - eine Weltklasse-Schmiede.

Was ungleich schwerer wiegt als das Topografie-Geplänkel ist der Verlust der geistigen Väter des Projekts, Anton Zeilinger und Peter Schuster. Dass ihr Absprung aus nichtigem Anlass oder eitler Laune geschah, ist unwahrscheinlich, zumal sie sich dem Vorhaben jahrelang mit Hingabe verschrieben haben. Die renommierten Wissenschafter fühlten sich bei der überhasteten Finalisierung des Projektes von Regierung und Industrie offenkundig derart unter Druck gesetzt, dass sie diesem letztlich wichen.

Anstatt sich die Zeit für ein breit abgestimmtes, qualitativ ausgereiftes Inhalts- und Personal-Konzept zu nehmen, schien die Regierung primär vom Ehrgeiz getrieben, die Trophäe rechtzeitig vor der Wahl in die Fertigung zu geben, ohne Rücksicht auf die geistigen Fahnenträger und ihre Vorbehalte.

Dieser Mangel an Sensibilität hat das Projekt fast umgebracht. An sich ist es bejahenswert. Das Land hat gute Universitäten, aber kein Flaggschiff von Weltruf. Die Forschung ist Stiefkind, das Land habituell technikfeindlich. Sich zu rühmen, in Mathematik rückständig zu sein, gilt als fesch. Ein Leuchtturm wie die ETH Zürich also, warum nicht. Wer sagt denn, dass er die Hochschulen in den Schatten stellen muss. Er könnte auf sie strahlen, sie mit hochziehen.

Freilich: So eher nicht. Ohne die Leitsterne an Bord gerät schon die Standortwahl in den Geruch der politisch motivierten Entscheidung:
Gift für eine Forschungsstätte, die weltweite Anziehungskraft ausüben will. Die zu entfalten, wird ohne Anton Zeilinger, den Pfortenöffner, schwer genug. ****

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