• 03.02.2006, 17:48:09
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Ja, das ist ein Kampf der Kuluren

"Presse"-Leitartikel vom 04.02.06 von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Ja, das ist ein
Kampf der Kulturen

LEITARTIKEL von Michael Fleischhacker

Der Karikaturen-Streit sollte dem Westen klar machen, dass er sein
Toleranz-Verständnis präzisieren muss.

Die Mohammed-Karikaturen, die von der dänischen Zeitung "Jyllands
Posten" veröffentlicht wurden, sind weder handwerkliche
Meisterleistungen noch Dokumente erlesenen Geschmacks. Einigen von
ihnen muss man allerdings zubilligen, dass sie über ein gewisses Maß
an Selbstironie verfügen, was für eine Karikatur nicht das
schlechteste Zeugnis ist. Jedenfalls aber verletzen sie die
religiösen Gefühle gläubiger Muslime und zeugen damit von einem
Mangel an Sensibilität bei den redaktionell Verantwortlichen.
Die Folge einer solchen Veröffentlichung sind in den weitgehend
säkularisierten Ländern Europas in der Regel heftige Diskussionen, in
denen die Gläubigen _ seien es Christen, Juden oder Muslime _ ihrer
Empörung Ausdruck verleihen und Rücksicht auf ihre religiösen Gefühle
verlangen, während die Nichtgläubigen ihr Recht auf freie
Meinungsäußerung betonen. Je nach Verlauf einer solchen öffentlichen
Debatte kommt es zu unterschiedlichen Reaktionen der Urheber, deren
Bandbreite von inhaltlicher Beharrung bis zu offiziellen Akten des
Widerrufs führen kann.
Was sich mehrere Monate nach der Erstveröffentlichung der "Jyllands
Posten"-Karikaturen abspielt, ist von diesen Gepflogenheiten weit
entfernt: Islamische Staaten üben Druck auf die dänische Regierung
aus, radikale Islamisten führen mit ihren Gewaltdrohungen zur
Schließung der EU-Vertretung im Gaza-Streifen und erwecken damit den
Eindruck, als stecke in den überzogenen Thesen der Karikaturen _ dass
es nämlich zwischen dem Islam und dem Terrorismus einen inneren
Zusammenhang gibt _ ein Körnchen Wahrheit.

Dieses Körnchen Wahrheit gilt zunächst freilich für alle
monotheistischen Offenbarungsreligionen, also für Judentum,
Christentum und Islam: Die Geschichte hat gezeigt, dass aus der
unverkürzten Verbindung zwischen dem absolute Wahrheitsanspruch einer
monotheistischen Offenbarungsreligion und einem absoluten politischen
Machtanspruch immer Gewalt resultiert. Sie äußert sich im Fall der
politischen Vorherrschaft als totalitäre Diktatur und im Fall einer
politischen Unterlegenheitssituation als terroristische Aktivität.
Die einzige Möglichkeit, das zu vermeiden, besteht in der
institutionellen Trennung der politischen von der religiösen Sphäre.
Dass diese Trennung in den islamischen Gesellschaften keine stabile
Tradition hat, ist der substanzielle Kern aller Auseinandersetzungen,
die während der vergangenen Jahre unter dem schillernden Begriff
"Kampf der Kulturen" geführt wurden. Es geht nicht um die Frage, ob
das Christentum dem Islam überlegen sei. Der "Kampf der Kulturen"
besteht in der Gegenüberstellung von Kulturen, die Religion (welche
auch immer) und Politik trennen, und solchen, die das nicht tun. Also
zwischen Kulturen, in denen sowohl unterschiedliche religiöse
Überzeugungen als auch nichtreligiöse Lebensentwürfe in säkularen
Gesellschaftsordnungen zugleich geschützt und aufgehoben werden, und
solchen, in denen im Zweifelsfall auch durch Gewaltanwendung eine
Auffassung gegen alle anderen durchgesetzt wird.

Diesen Kampf kann man nicht durch milde Toleranzprosa wegdiskutieren,
man kann ihn nur gewinnen wollen. Nicht als Demonstration der
Überlegenheit oder als später Nachklang einer imperialistischen
Attitüde. Das Engagement des Westens für die Durchsetzung der
Trennung von Religion und Politik in der islamischen Welt dient dazu,
die Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Weil nur ein
Gesellschaftsmodell, das auf dieser Trennung beruht, den Übergang vom
Totalitarismus zur Demokratie in den islamischen Staaten fördern und
die Ausbildung terroristischer Strömungen in den islamischen
Minderheitsbevölkerungen der westlichen Welt verhindern kann.
Angesichts der dänischen Karikaturen-Debatte sollte der Westen
erkennen, dass er sein Toleranzverständnis überdenken muss. Nichts
gegen die Aufforderung, die Gefühle religiöser Menschen zu achten,
ganz im Gegenteil: Toleranz als Respekt vor dem Anderssein des
anderen in seinen Anschauungen, Überzeugungen und Gefühlen ist die
Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben in einer
pluralistischen Gesellschaft. Es muss aber endlich dort eine scharfe
Grenze gezogen werden, wo einzelne oder Gruppen nicht bereit sind,
die Trennung von Politik und Religion zu respektieren, sondern für
sich in Anspruch nehmen, Andersgläubige oder Nichtgläubige nach ihren
eigenen Regeln zu behandeln und dabei vor Gewalt oder ihrer Androhung
nicht zurückschrecken.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
E-Mail: [email protected]

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