Ja, das ist ein Kampf der Kuluren

"Presse"-Leitartikel vom 04.02.06 von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Ja, das ist ein
Kampf der Kulturen

LEITARTIKEL von Michael Fleischhacker

Der Karikaturen-Streit sollte dem Westen klar machen, dass er sein Toleranz-Verständnis präzisieren muss.

Die Mohammed-Karikaturen, die von der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" veröffentlicht wurden, sind weder handwerkliche Meisterleistungen noch Dokumente erlesenen Geschmacks. Einigen von ihnen muss man allerdings zubilligen, dass sie über ein gewisses Maß an Selbstironie verfügen, was für eine Karikatur nicht das schlechteste Zeugnis ist. Jedenfalls aber verletzen sie die religiösen Gefühle gläubiger Muslime und zeugen damit von einem Mangel an Sensibilität bei den redaktionell Verantwortlichen.
Die Folge einer solchen Veröffentlichung sind in den weitgehend säkularisierten Ländern Europas in der Regel heftige Diskussionen, in denen die Gläubigen _ seien es Christen, Juden oder Muslime _ ihrer Empörung Ausdruck verleihen und Rücksicht auf ihre religiösen Gefühle verlangen, während die Nichtgläubigen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung betonen. Je nach Verlauf einer solchen öffentlichen Debatte kommt es zu unterschiedlichen Reaktionen der Urheber, deren Bandbreite von inhaltlicher Beharrung bis zu offiziellen Akten des Widerrufs führen kann.
Was sich mehrere Monate nach der Erstveröffentlichung der "Jyllands Posten"-Karikaturen abspielt, ist von diesen Gepflogenheiten weit entfernt: Islamische Staaten üben Druck auf die dänische Regierung aus, radikale Islamisten führen mit ihren Gewaltdrohungen zur Schließung der EU-Vertretung im Gaza-Streifen und erwecken damit den Eindruck, als stecke in den überzogenen Thesen der Karikaturen _ dass es nämlich zwischen dem Islam und dem Terrorismus einen inneren Zusammenhang gibt _ ein Körnchen Wahrheit.

Dieses Körnchen Wahrheit gilt zunächst freilich für alle monotheistischen Offenbarungsreligionen, also für Judentum, Christentum und Islam: Die Geschichte hat gezeigt, dass aus der unverkürzten Verbindung zwischen dem absolute Wahrheitsanspruch einer monotheistischen Offenbarungsreligion und einem absoluten politischen Machtanspruch immer Gewalt resultiert. Sie äußert sich im Fall der politischen Vorherrschaft als totalitäre Diktatur und im Fall einer politischen Unterlegenheitssituation als terroristische Aktivität. Die einzige Möglichkeit, das zu vermeiden, besteht in der institutionellen Trennung der politischen von der religiösen Sphäre. Dass diese Trennung in den islamischen Gesellschaften keine stabile Tradition hat, ist der substanzielle Kern aller Auseinandersetzungen, die während der vergangenen Jahre unter dem schillernden Begriff "Kampf der Kulturen" geführt wurden. Es geht nicht um die Frage, ob das Christentum dem Islam überlegen sei. Der "Kampf der Kulturen" besteht in der Gegenüberstellung von Kulturen, die Religion (welche auch immer) und Politik trennen, und solchen, die das nicht tun. Also zwischen Kulturen, in denen sowohl unterschiedliche religiöse Überzeugungen als auch nichtreligiöse Lebensentwürfe in säkularen Gesellschaftsordnungen zugleich geschützt und aufgehoben werden, und solchen, in denen im Zweifelsfall auch durch Gewaltanwendung eine Auffassung gegen alle anderen durchgesetzt wird.

Diesen Kampf kann man nicht durch milde Toleranzprosa wegdiskutieren, man kann ihn nur gewinnen wollen. Nicht als Demonstration der Überlegenheit oder als später Nachklang einer imperialistischen Attitüde. Das Engagement des Westens für die Durchsetzung der Trennung von Religion und Politik in der islamischen Welt dient dazu, die Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Weil nur ein Gesellschaftsmodell, das auf dieser Trennung beruht, den Übergang vom Totalitarismus zur Demokratie in den islamischen Staaten fördern und die Ausbildung terroristischer Strömungen in den islamischen Minderheitsbevölkerungen der westlichen Welt verhindern kann. Angesichts der dänischen Karikaturen-Debatte sollte der Westen erkennen, dass er sein Toleranzverständnis überdenken muss. Nichts gegen die Aufforderung, die Gefühle religiöser Menschen zu achten, ganz im Gegenteil: Toleranz als Respekt vor dem Anderssein des anderen in seinen Anschauungen, Überzeugungen und Gefühlen ist die Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft. Es muss aber endlich dort eine scharfe Grenze gezogen werden, wo einzelne oder Gruppen nicht bereit sind, die Trennung von Politik und Religion zu respektieren, sondern für sich in Anspruch nehmen, Andersgläubige oder Nichtgläubige nach ihren eigenen Regeln zu behandeln und dabei vor Gewalt oder ihrer Androhung nicht zurückschrecken.

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