WirtschaftsBlatt Kommentar vom 4.2.2006: Bartenstein weiss, was Europa braucht - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Falls das nicht schon der Wahlkampf ist oder der Profilierungstrieb, den Minister im EU-Vorsitz-Halbjahr verspüren:
Wirtschaftsminister Martin Bartensteins wirtschaftsphilosophische Sicht der Dinge soll man nicht einfach wegblenden. Im Grunde bemüht sich dieser Mann, der schon wegen seines Mangels an rhetorischer und mimischer Theatralik nicht in Verdacht gerät, er könnte sich gerade in Illusionen verspinnen, ein gutes Stück europäischer Kultur zu retten. Und nichts brauchen wir dringender.
Offenbar ist die Regierung nach Bartensteins Ausführungen im WirtschaftsBlatt dabei, den sozialen Gedanken aus dem Out der aktuellen, durch den attributlosen Kampfeinsatz des Begriffes "Marktwirtschaft" gekennzeichneten Diskussion zu holen und in Brüssel vorzuzeigen: "Europas Wirtschaft ist so stark wie die Motivation und die Leistungskraft seiner Arbeitnehmer", sagt Bartenstein.
So ein Satz hätte übrigens auch der österreichischen Industriellenvereinigung gleich zu Beginn ihrer Kampagne für Flexibilisierung einfallen sollen. Aber immerhin, auch diese Interessenorganisation lernte dazu und scheint mittlerweile zu verstehen, dass die Flexibilisierung der Arbeit nicht funktionieren wird, wenn die Arbeitnehmer nicht an dem Ergebnis dieser Massnahmen partizipieren.
Jede Idee braucht den passenden Augenblick. Was der Wirtschaftsminister, ohne sehr viele Details zu nennen, ankündigt, ist alles andere denn neu.
Eigentlich hätte man schon dem ÖVP-Kanzlerkandidaten Josef Riegler zuhören können, als er 1990 für die ökosoziale Marktwirtschaft ins Feld zog. Dieses Konzept ist gar nicht so dumm gewesen, aber die Zeit war nicht reif oder liess Riegler als ungeeigneten Herold erscheinen. Inzwischen stöhnt Europa unter einem Heer von Millionen Arbeitslosen, die immer mehr werden und durch keine noch so forschen Leistungsslogans eingedämmt werden können.
Sollte es den Österreichern also gelingen, in den mühsamen europäischen Prozess etliche Spurenelemente der Sozialpartnerschaft, der sozialen Absicherung und der gemeinsamen Verantwortung einzuführen, so dass Arbeitnehmer wieder primär als Menschen und erst danach als Kostenfaktoren betrachtet werden, so könnte sich Europa viel an unnötigen sozialen Spannungen ersparen.
Und vielleicht sogar dem geheimnisvollen Pendel, das die Wirtschaftskonjunktur anzeigt, einen Deut in die Richtung zum Wachstum geben.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/306
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0002