WirtschaftsBlatt Kommentar vom 3.2.2006: Knausrige Liesl verstösst goldene Adele - von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Sie gehören zusammen, aber eine Liebesbeziehung ist
es nicht: Geld und Kunst sind zwei Pole, die sich wechselweise anziehen und abstossen. Öffentliches Thema wird das schwierige Innenverhälnis der beiden bevorzugt dann, wenn viele Nullen im Spiel sind. Mal sind die Nullen auf der Kunstseite (wenn die Künstler nichts können und dafür auch noch Geld wollen), mal auf der Geldseite (wenn für grosse Kunst hohe Preise bezahlt werden). Jetzt ist es wieder soweit: Die österreichische Bundesregierung hat entschieden, die umkämpften Klimt-Bilder nicht anzukaufen. Die knausrige Liesl (Gehrer) und die goldene Adele kommen also nicht zusammen.
In turbulenter Situation holen erfahrene Segler als erstes die Segel ein, um das Boot zu stabilisieren. Keine schlechte Taktik, auch nicht für die Klimt-Diskussion. Ohne Druck - weder im Segel noch im Hirn -ist eine nüchterne Analyse leichter: Dass Adele das Land verlässt, ist nicht das Ende Österreichs als Kulturnation. Umgekehrt wäre der Ankauf der Bilder keine Verschwendung von Steuergeldern.
Die horrenden Preise für Kunst in Frage zu stellen, ist legitim. Sind einzelne Bilder von Picasso, Renoir oder Rembrandt wirklich 70 oder 80 Millionen Euro wert? Nicht einmal McKinsey kann da weiterhelfen, denn die Umrechnung des Preises auf Quadratzentimeter Leinwandfläche und der Vergleich - pardon: das Benchmarking - mit anderen Malern gibt keine befriedigende Antwort. Also bleibt das marktwirtschaftliche Modell: Wenn jemand bereit ist, Millionen zu zahlen, ist das Bild halt so viel wert.
Doch auch diese Antwort ist in Wahrheit keine, sie verdeckt nur das eigentliche Thema: Es geht um Werte, nicht um Ware. Definiert sich die moderne Gesellschaft wirklich nur über Effizienz, Leistung und Gegenleistung, gehörten sofort alle Theater, Opern und Museen geschlossen - alles Zuschussgeschäfte, die keinen materiellen Mehrwert schaffen. Aber Geld kann man nicht essen und geistig macht es schon gar nicht satt. Ein Land ist mehr als die Summe seines Bruttonationalproduktes - oder sollte es zumindest sein.
Österreich zählt zu den reichsten Ländern der Erde, da wäre es ein positives Signal gewesen, die Klimt-Bilder anzukaufen. Private Sponsoren, Stiftungslösung - vieles wurde nicht ernsthaft weitergedacht. So bleibt der schale Nachgeschmack, dass die Regierung wie ein trotziges Kind reagiert: Wer mir "meine" Bilder wegnimmt, bekommt von mir nicht auch noch Geld. Schade.

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