Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Ausbeuter und Spione

Ein dänischer Chefredakteur entschuldigt sich ganz formell. Ähnliches tun die Regierungen Dänemarks und Norwegens: Denn Karikaturen haben den Propheten Mohammed beleidigt. Diese Entschuldigungen sind gut, sofern sie von der Einsicht getragen sind, dass man auf religiöse Gefühle Rücksicht nehmen soll. Sie sind aber schlecht, weil es von Dänemark bis Österreich für die christlichen Religionen nicht die gleiche Toleranz gibt; hier kann vielmehr jeder drittklassige Künstler mit dem Ruf "Freiheit der Kunst!" Jesus Christus in jeder beliebigen Art schmähen. Und sie sind schlecht, weil sie wieder einmal ein Zurückweichen vor Terrordrohungen bedeuten (so legitim Konsumentenboykotte als Proteste auch sind).

Meinungsfreiheit ist eben auch in Europa ein relatives Gut. So sind etwa in Wien ständig einschüchternde Demos gegen Geschäfte erlaubt, die Pelze verkaufen, aber nicht gegen Abtreibungskliniken. Gleiches Recht?

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Der furchtbare Neoliberalismus schlägt mit einer Brutalität zu, die alle Prophezeiungen übertrifft: Immer mehr Lehrlinge müssen nicht nur auf alle Lehrlingsentschädigungen und Kündigungsschutz verzichten, sie müssen nun sogar dem Betrieb etwas für ihre Ausbildung zahlen. Noch schlimmer ist der Sozialminister: Er kündigt an, dass das Rentenalter auf 67 Jahre steigen wird.
Freilich: Dagegen hilft nicht einmal die Wahl von Alfred Gusenbauer. Denn solches passiert in Deutschland, ist teils die Folge von zwei Perioden Rot-grün, teils aber auch Folge der rapiden Überalterung der Europäer. Wer keine Kinder in die Welt setzt, muss halt viel länger arbeiten. Und der deutsche Sozialminister ist ein Sozialdemokrat.

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Paul Lendvai wurde in kommunistischen Zeiten bespitzelt. Eine verblüffende Erkenntnis des ORF. Denn bekanntlich wurde jeder irgendwie relevante Westbürger bei Ostreisen intensiv bespitzelt. Aber vielleicht muss eine neue Generation auch diese Vergangenheit neu entdecken.

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