"Kleine Zeitung" Kommentar: "Einzige Hoffnung ist ein Sieg der Pragmatiker über die Ideologen" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 01.02.2006

Graz (OTS) - Der Sieg der radikal-islamischen Hamas bei den palästinensischen Parlamentswahlen war nicht nur für Israel ein Schock. Auch die USA und Europa stehen eher hilflos vor dem Problem, nicht genau zu wissen, ob sie die grimmigen Kämpfer für einen islamischen Gottesstaat weiter mit Verachtung strafen oder mit Geld umgarnen sollen.

Die meisten arabischen Länder werden mehr oder weniger diktatorisch regiert. Fast jeder Herrscher in Nordafrika, im Nahen und im Mittleren Osten weiß, wie fragwürdig seine Legitimität ist. Stets hat der Westen daher auf Demokratie in der islamischen Welt gepocht. Jetzt hält sie dort allmählich Einzug - und prompt kommt es zu Wahlresultaten, die Europa und Amerika gar nicht recht sind.

Im Libanon sitzen seit kurzem Mitglieder der vom Iran finanzierten Terror-Organisation Hisbollah im Parlament. Im jordanischen Abgeordneten-Haus wächst die Zahl der radikalen Moslembrüder. In Ägypten verhindern nur noch Repression und ein dubioses Wahlrecht eine Mehrheit der Moslembrüder im Parlament.

Im Irak, wo der Einmarsch der Amerikaner tatsächlich zu den ersten freien Wahlen in der Geschichte des Zweistromlandes geführt hat, sitzen schiitische Islamisten jetzt in der Regierung. Und in Palästina schaffte die radikale Hamas sogar die absolute Mehrheit.

In ihrem Hass auf Israel eint sie die islamische Welt. Denn zwar ist die Hamas eine Tochterorganisation der sunnitischen ägyptischen Moslembrüder, aber finanziert wird sie trotz aller theologischen Differenzen vom schiitischen Mullah-Regime in Teheran.

Daher sollte man den Islamismus und dessen Erfolge nicht länger als irrational-religiöses Phänomen betrachten, sondern als ein rational-politisches. Der politische Islam bekämpft nicht nur verhasste Fremdherrscher von Palästina bis zum Irak - sondern auch die arabischen Despoten. So ist es oberstes Ziel des Terror-Paten Osama Bin Laden, die mit den USA verbandelte Saud-Dynastie in Saudi-Arabien zu stürzen.

Was also tun mit den radikal-islamischen Regierungen? Sie nur zu verteufeln, bringt nichts. Eine Eskalation kann die Welt weder im israelisch-palästinensischen Konflikt noch im Atom-Streit mit dem Iran brauchen.

Der Westen muss geduldig und beharrlich sein, um jedes Zugeständnis freundlich, aber bestimmt feilschen - wie in einem orientalischen Basar. Denn die einzige Hoffnung ist, dass auch für Islamisten gilt, was in allen politischen Bewegungen gleich ist: Am Ende haben die nüchternen Pragmatiker die Nase vor den flammenden Ideologen. ****

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