"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Nahe Osten ist eine "Insel der gespannten Ruhe" (von Charles Landsmann)

Ausgabe vom 28.01.2006

Graz (OTS) - Die Palästinenser haben sich für die "Grüne Revolution" entschieden -und damit wohl einen neuen radikal-islamistischen Vorposten geschaffen. Andererseits dürfte der siegreichen Hamas die Schaffung eines eigenen palästinensischen Staates erheblich schwerer fallen als der aus den Machtpositionen weggewählten Fatah, wenn überhaupt.

Ein neuer Naher Osten ist im Entstehen, ein komplizierterer denn je. Während die Palästinenser gegen die Korruption und Misswirtschaft der Fatah protestierten, indem sie der gewaltbereiten Hamas ihre Stimme gaben, werden sich die Israelis Ende März für Ehud Olmerts Pragmatismus und gegen die nationalistische Verweigerungspolitik eines Benjamin Netanyahu aussprechen.

Erst wenn diese zweite Parlamentswahl im Heiligen Land abgehalten ist und auch die neue Regierung in Jerusalem die Arbeit aufnimmt, kann versucht werden, Fortschritte politischer Natur zu erzielen. Bis dahin gilt es vor allem für die auf die Umsetzung ihrer "Roadmap"-Friedensinitiative drängenden Amerikaner und Europäer abzuwarten. Gleichzeitig aber sollten sie versuchen, Hamas zu überzeugen, der Gewalt abzuschwören und sich für eine politische Lösung des Konfliktes zu entscheiden. Zeit dafür ist demnach vorhanden, wenn auch nicht allzuviel.

Hauptargument bei diesen Bemühungen muss der Wille zu Ruhe und Sicherheit sei, den die Mehrheit der Palästinenser mehrfach ausgedrückt hat - wenn auch das Wahlergebnis einen falschen Eindruck hervorrufen könnte. Hamas-Gewalt erzeugt israelische Gegengewalt. Militärisch ist Israel nicht zu besiegen. Verlierer wird immer die palästinensische Zivilbevölkerung sein.

Die Hamas-Führung hat bereits am Wahltag vorsichtigen Pragmatismus angedeutet, indem sie von ihrer grundsätzlichen Bereitschaft zu einem langanhaltenden Waffenstillstand sprach. Auch wenn sie Frieden mit dem zionistischen Feindesstaat kompromisslos ablehnt. Israel wiederum will den Palästinensern die zustehenden Gelder trotz des Hamas-Sieges überweisen. Zudem will man in Jerusalem abwarten und zusehen, was sich auf der Gegenseite entwickelt.

Dieser beidseitige Pragmatismus lässt vorsichtige Hoffnungen aufkommen. In absehbarer Zeit könnte die Region trotz des Hamas-Sieges nicht in einem Meer von Blut versinken, sondern ganz im Gegenteil zu einer Insel - allerdings höchst gespannter - Ruhe mutieren. "Inschallah" sollten die tiefgläubigen Moslems von der Hamas dazu sagen, mit Schalom die Israels darauf antworten. ****

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