Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Viermal noch Mozart

Das Gedenk/Gedanken-Jahr 2005 hat in zwölf Monaten nicht so hohe Wellen geschlagen wie der erste Monat des Mozartjahres 2006. Selbst die BBC brachte die österreichischen Gedenkaktionen als politische Spitzenmeldung. Und die anspruchsvollste Veranstaltung der EU-Präsidentschaft wurde ganz in den Klang des Komponisten gerückt. Gewiss könnte man nun in intellektuellen Snobismus ob eines Mozart-Overkills ausbrechen. Oder als Protest einen Beethoven auflegen. Oder eine rostige Metallscheibe aktueller Lärmmacher.

Markenpolitisch ist es jedenfalls klug, Mozart eng mit dem Namen "Österreich" zu verbinden, denn Salzburg gehörte damals nicht zu Österreich. Das nützt dem Land bei seiner ständigen Identitätssuche wie auch bei der Selbstvermarktung.

Heikler wird es, will man Mozart auch zum Ahnherrn Europas machen. Denn der begnadete Komponist war kein großer Philosoph oder politischer Denker. Den geistigen Sound des heutigen Europas müssen wir schon selbst entwickeln. Dabei können wir freilich aus Mozarts Epoche die großartigen Ideen der Aufklärung mitnehmen, die Faszination der Freiheit und die Kraft der Vernunft. Zusammen mit den Ideen der Antike und des Christentums bilden sie Europas geistige Basis.

Aber das heutige Europa muss dazulernen. Erstmals in der Geschichte befindet es sich in einem Wettbewerb aller Kontinente, in dem nur noch Leistung zählt. Wenn sich Bürger und Politik auf dem attraktiven Faulbett eines angeblichen "Sozialmodells Europa" ausruhen wollen, dann wird ihr Erwachen bitter sein. Bitter wäre es auch, wenn die Europäer die Bedrohungen der eigenen Sicherheit ignorieren, die nicht durch inneren Hader, sondern dem Druck benachbarter Regionen erfolgt. Und am bittersten wäre es, würden sie die eigene Selbstvernichtung durch Fortpflanzungsverweigerung fortsetzen: Viermal die Zeitspanne seit Mozarts Geburt in die Zukunft geblickt würde es dann nur noch 50.000 Europäer geben. Werden die wenigstens noch ein volles Orchester für Mozarts Requiem zusammenbringen, um ihr Ende zu beklagen?

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