WirtschaftsBlatt Kommentar vom 28.1.2006: Bawag: Selbstverschuldetes Unglück - von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Fast könnte man Mitleid haben. Kaum ist die Recfo-Affäre aus den Schlagzeilen verschwunden, erwischt es die Bawag schon wieder. Der Oberste Gerichtshof hat der Bank eine kräftige Watsche verpasst und die Verrechnungspraxis der Bawag für Sparbuch-Zinsen für rechtswidrig erklärt. Der Vorwurf: Zinserhöhungen seien zu spät an die Kunden weitergegeben worden. Diese könnten den Zinsentgang jetzt nachfordern - mehr als zehn Jahre rückwirkend. Für den neuen Bawag-Chef Ewald Nowotny ist das bitter. Während er versucht, die Bawag in ruhigere Gewässer zu steuern, fällt ihm in aller Öffentlichkeit eine Altlast nach der anderen auf den Kopf. Doch Mitleid ist nicht angebracht. Denn die Bawag trifft das Gerichtsurteil nicht zufällig - und nicht unverdient. Das frühere Management hat mass-geblich dazu beigetragen, die Bank in diese Situation zu manövrieren.
Denn der aktuelle Konflikt um die Sparbuch-Zinsen hat eine Vorgeschichte: den Konflikt um die Kreditzinsen. Jahrelang stritt der Verein für Konsumenteninformation (VKI) gegen die Praxis der Banken, Zinssenkungen nur schleppend an ihre Kreditkunden weiterzugeben. Die Konsumentenschützer bekamen meist Recht, fast alle Banken stimmten einem Vergleich zu und zahlten Geld an ihre Kunden zurück - mit einer Ausnahme: Ausgerechnet die Gewerkschaftsbank Bawag war, angeführt von ihrem damaligen Generaldirektor Helmut Elsner, zu keinem Kompromiss bereit. Die Bank verstieg sich sogar zu einer Klage gegen den VKI. Kein Zufall also, dass sich die Konsumentenschützer bei ihrem Musterprozess um zuwenig gezahlte Sparbuch-Zinsen gerade die Bawag als Gegner aussuchten.
Ein Mega-Gehalt, Privilegien, fleissige Ja-Sager als engste Mitarbeiter - in so einem Umfeld ist es für viele Chefs einfacher, exotische Märkte am anderen Ende der Welt zu beurteilen. als den eigenen Stellenwert richtig einzuschätzen. Doch wenn der Egotrip den Realitätssinn verdrängt, kann es für das Unternehmen teuer werden. Der neue Bawag-Chef Nowotny hat mittlerweile im Kreditkonflikt dem überfälligen Vergleich zugestimmt. Das hätte man vor einigen Jahren auch schon haben können - und hätte sich das Sparbuch-Urteil damit erspart.
Der Fast-Food-Riese McDonald’s verordnet seinen Managern jährlich einen Arbeitstag in der Küche eines Restaurants. Das ist nicht nur ein Marketing-Gag, sondern hilft auch, die Chefs mit beiden Beinen am Boden zu halten - und wird hiermit zur Nachahmung empfohlen.

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