Rede von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer anlässlich der Eröffnung des Mozartjahres 2006 am 27. Jänner 2006 in Salzburg

Wien (OTS) - Es gilt das Gesprochene Wort!

Auf den Tag genau vor 250 Jahren wurde Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg geboren. Diesen Geburtstag feiern wir hier in Salzburg, in ganz Österreich, und mit uns feiern Musikbegeisterte in der ganzen Welt.

Vieles in diesem Jahr dreht sich um Mozart. Genau genommen hat die besonders intensive Beschäftigung mit dem runden Geburtstag dieses Genies schon in den letzten Monaten begonnen, als Bücher über Mozart, Neueinspielungen seiner Werke und sonstige Verkaufsgegenstände in wachsendem Maße die Geschäfte zu füllen und die Medien zu beschäftigen begannen.

Es wird gar nicht leicht sein oder besser gesagt, es wird sehr schwer sein, Kunst und Kommerz auseinander zu halten.

Aber zumindest versuchen sollten wir es.

Meine Damen und Herren!

Die Rolle von Salzburg für Mozart und die Rolle des Genies Mozart für Salzburg wird in keiner Weise geschmälert, wenn man darauf hinweist, dass Mozart beileibe kein Stubenhocker war, sondern in einer heute noch beeindruckenden - für das 18. Jahrhundert aber geradezu phänomenaler Weise - Europäer war: Wien, Prag, München, Mailand, Paris, London und viele, viele andere Städte spielten im Leben und Schaffen Mozarts eine wichtige Rolle. Man hat ausgerechnet, dass er nicht weniger als 3700 Tage seines kurzen Lebens in Postkutschen unterwegs war.

Mozart als den europäischsten Künstler seiner Zeit zu bezeichnen, ist sicher berechtigt. Und was die Wirkung seiner Kunst betrifft, ist diese nicht auf Europa beschränkt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes global. Eine Studie, die kürzlich veröffentlicht wurde, behauptet, dass der Name Mozart für die gesamte Menschheit - also global gesehen - nach Coca Cola zu den vertrautesten Eigennamen der Gegenwart zählt.

Der in Salzburg, in Österreich geborene Europäer Mozart ist zum Repräsentanten und zur Symbolfigur der Weltkultur geworden.

An dieser Stelle kann ich auf einen Einschub nicht verzichten, der uns vielleicht aus der Feierstimmung herausreißen wird, mir aber wichtig erscheint:

Der 27. Jänner ist - aus heutiger Sicht - nicht nur der Geburtstag von Mozart, sondern auch der Befreiungstag von Auschwitz. Damit wird in greller, ja dramatischer Weise augenfällig, zu welch genialen, ja himmlischen kulturellen Leistungen, aber auch zu welch unfassbaren, teuflischen Schandtaten der menschliche Geist, also der Mensch, fähig ist.

Mozart und Eichmann - welche astronomische Distanzen in der Natur und im Wirken des homo sapiens aus Mitteleuropa.

Meine Damen und Herren!

Das Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag von Mozart ist in erster Linie ein Anlass, ihm zuzuhören, seiner Musik zu lauschen. Es ist aber auch ein Anlass, um noch mehr über ihn, sein Leben, sein Werk und die Gesellschaft, in der er lebte, zu forschen und zu wissen. Dieses Wissen über Mozart darf sich aber nicht nur auf Werkanalyse und Biographie beschränken, denn erst aus dem politischen, ökonomischen, sozial- und kulturgeschichtlichen Kontext seiner Zeit heraus kann man das Phänomen Mozart besser - wenn auch niemals vollständig -verstehen und begreifen.

Das alles wird uns nicht davon abhalten, seine Musik unmittelbar und ohne jede Erklärung als wunderbar zu empfinden. Mozarts Ästhetik war und ist für seine und für unsere Zeit durch etwas sehr kostbares gekennzeichnet, nämlich durch intelligenten, ausgeprägten, zeitlosen Geschmack, der zum wachsenden Respekt und zur vertieften Wertschätzung für Mozart entscheidend beiträgt.

Meine Damen und Herren!

Zuletzt möchte ich der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass das Mozartjahr auch zahlreiche kulturelle, künstlerische und wissenschaftliche Impulse auslösen möge, die über das Jahr 2006 hinaus ihre Wirkung in die Zukunft entfalten. Es ist begrüßenswert, dass in Salzburg der Umbau des Kleinen Festspielhauses mit dem Mozartjahr "terminisiert" wurde. Im Herbst dieses Jahres wird die rundum erneuerte Salzburger Musikuniversität eröffnet, und zeitgerecht zum Mozartjahr wurde in Wien das Theater an der Wien als Opernbühne wiedereröffnet, was gleichfalls befruchtend für das Musikleben wirken möge.

Neben solchen Hardwareprojekten habe ich es auch als sehr positiv empfunden, dass zahlreiche neue musikalische Werke in Auftrag gegeben wurden, womit der Einsicht Rechung getragen wird, dass die Kunst von heute Grundlage für unser kulturelles Erbe von Morgen ist.

Dies allein genügt aber nicht.

Wichtig wird sein, dass dann in den kommenden Jahren neues Musikschaffen aus dem Mozartjahr und aus der Gegenwart tatsächlich auf den Spielplänen der Konzertsäle und Musikhäuser zu finden ist. Es darf mit dem Feiern, dem Gedenken, dem Bewundern und Genießen nicht sein Bewenden haben. Wir müssen versuchen, die Begeisterung für die Kunst Mozarts auch in Engagement für zeitgenössische Kunst zu transformieren. Ernte und Aussaat bilden einen Kreislauf, der auch in der Kunst seine Gültigkeit hat, wobei ja schon sehr viel getan ist, wenn man das Neue wachsen lässt, wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzt, wenn man moderner Kunst eine Chance gibt, weil man weiß, dass jede Kunst - auch die Kunst Mozarts - zunächst einmal moderne Kunst war.

In diesem Sinne wünsche ich uns, dass das Mozartjahr 2006 starke Auswirkungen in die Zukunft haben möge, in dem es auch die Kunst der Gegenwart in vielfacher Weise befruchtet und befördert.

Ich danke Ihnen.

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