DER STANDARD-Kommentar "Lesung im Evangelium nach Jörg" von Samo Kobenter

"Haiders jüngste Ausfälle signalisieren sein Ende als so genanntes Medienphänomen" - Ausgabe 25.1.2006

Wien (OTS) - Jörg Haider Blasphemie vorzuwerfen, wie es der Kärntner Superintendent Manfred Sauer tut, ist ebenso falsch wie Alfred Gusenbauers Anmerkung, der Kärntner Landeshauptmann sei nicht ganz dicht: Im ersten Fall fehlt Haider einfach ein seriöses Glaubensfundament, woraus sich der zweite in Form dieser seltsamen Ausfälle ergibt, die den SP-Chef zu seiner Ferndiagnose verführt haben. Tatsächlich wirkt Haider als in sich geschlossenes rhetorisches System, dessen bewusste provozierende Justierung eine Beleidigung für jeden wirklichen Geisteskranken darstellen muss, der sich seiner Krankheit nur halb oder gar nicht bewusst ist.

Daher ist es auch müßig, darüber zu räsonieren, was Haider wirklich gesagt hat. Interessanter ist, wie er es getan hat, weil daraus auf seine Kommunikationstechnik und ihre Wirkungsweise im öffentlichen Diskurs geschlossen werden kann. Nur der Vollständigkeit halber: Beim BZÖ- Neujahrstreffen vor sechshundert orangen Gläubigen in Pörtschach bezeichnete Haider den Verfassungsgerichtshofpräsidenten als "Pilatus", der von einem "slowenischen Pharisäer angestachelt", gehandelt habe und nun seine "Hände in Unschuld" wasche.

Damit nicht genug, stieg Haider noch um eine Stufe tiefer und verkündete das Evangelium nach Jörg mit den Worten: "Wahrlich, ich sage euch: Vor 2000 Jahren ist einer auferstanden und hat den Grabstein verrückt. Heute findet sich ein Landeshauptmann, der die Ortstafeln verrückt."

Es läge nun natürlich nahe, die billige Metapher vom Grabstein und den Ortstafeln auf Haiders absehbares politisches Schicksal umzumünzen, aber das sei ihm geschenkt, und über die syntaktische Stellung des Wortes "verrückt" wurde in diesem Zusammenhang schon im Kurier das Nötige gesagt.

Nein, Haider war und ist stets, was er gerade spricht, und das macht seine sprichwörtliche Unfassbarkeit aus, die in der Verkörperung des Augenblicks besteht: In Krumpendorf war er, als er vor SS- Veteranen sprach und ihre Treue lobte, einer von ihnen, im Landtag war er, als er die Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches pries, dessen Geisteskind, und so ließe sich die Reihe an Beispielen fortsetzen bis in seine politische Jugend, als er bei Bedarf ein glühender Sozialreformer, geschmeidiger Liberaler oder strammer Nationaler war.

Keines seiner Worte aber kennzeichnet ihn treffender als das "Bin schon weg", das seine oszillierende politische Gestalt im gleich darauf folgenden "Schon wieder da" zumindest einen Moment lang fixierte. Jörg Haider hat die Figur des unverbindlichen Plauderers in die Politik eingeführt, und seine Fähigkeit zur Maskerade war nichts als ein bewusst eingesetztes Missverständnis, das an das Missverständnis anzukoppeln verstand, in dem es sich die Medien bezüglich ihrer eigenen Rolle bequem gemacht hatten: Ihre Darstellung Haiders diente nie seiner vorgeblichen Demaskierung, sondern entwickelte stets seine eifrig gesponnene Legende weiter, dass sich da ein bisher nie gesehener Politikertyp immer wieder neu erfinde.

Das funktionierte auch so lange ganz gut, solange beide Teile auf ihre Kosten kamen - was im Prinzip das ganze Geheimnis so genannter "Medienphänomene" ist. Spätestens mit Haiders Spaltung der FPÖ war das vorbei - und musste, auch eine Ironie solcher kommunikativer Wirkungsweisen, gar nicht besonders betont werden. Hier wurde unausgesprochen ein Repräsentationsvertrag aufgekündigt, der explizit zwar nie beschlossen, praktisch aber über gut zwei Jahrzehnte hinweg eingehalten worden war.

Zurückgeworfen in sein solipsistisches System, markiert Haider nun verzweifelt den Landeshauptmann, der seine Kärntner Mitbürger vor der slowenischen Überfremdung bewahrt oder eben den Messias, der seinen letzten Anhängern die Seligkeit des Weiterlebens nach dem politischen Ende verspricht. Wenn etwas an seinem Tun blasphemisch ist, dann das - aber das hat, weiß Gott, nichts mit Religion zu tun.

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