"Presse"-Kommentar: Herr Kottan ist ein Plauderer (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 21. Jänner 2006

Wien (OTS) - Die Saliera-Ermittler schreiben ihren Flop den Medien zu und erweisen sich damit als fast so frech wie der Dieb.
Böse, böse Medien. Drohen damit, die Informationen, die sie ohne sichtbare Gewaltanwendung von geschwätzigen Ermittlungsbeamten zugesteckt bekommen, wenn sie sie nicht ohnehin schon von der Zahnarztgehilfin erfragt haben, die neulich ihren Lieblingsinspektor an der Billa-Kasse angeblinzelt hat, ja, also die drohen das dann tatsächlich auch noch zu veröffentlichen. Obwohl das den Ermittlungserfolg beeinträchtigen könnte.
Nun ist es in der Tat so, dass einige Medien, darunter auch diese Zeitung, den Ermittlern zugesichert haben, die Informationen, über die sie verfügten, im Interesse der Ermittlungen zunächst nicht zu veröffentlichen. (Dass der Chefermittler in einer populärophilosophischen Aufwallung erklärte, dies sei eine Vereinbarung "im Geiste der Aufklärung" gewesen, beinhaltet einen zarten Hinweis auf die intellektuellen Überkapazitäten im österreichischen Polizeiapparat).
Und man könnte prinzipiell auch darüber diskutieren, was von der Weigerung des "profil", diese Zusicherung ebenfalls zu geben, zu halten ist. Schließlich hätte es ja tatsächlich sein können, dass die Information, es habe einen erfolglosen Übergabeversuch gegeben und man wisse mit Sicherheit, dass die Saliera sich in Wien befinde, die Chancen auf einen erfolgreichen Abschluss der Ermittlungen hätten mindern können.
Am Tag danach ist das freilich einigermaßen müßig: Da gab es keinen Fahndungserfolg zu gefährden. Die Polizei hat nichts. Nada. Niente. Nothing.
Schwer zu sagen, ob die Ermittler aus Frechheit oder aus Masochismus ihren grandiosen Flop - den zweiten nach der missglückten Aktion aus dem Sommer 2003 übrigens - in allen Details der Öffentlichkeit geschildert haben.
Angesichts der ersten Ankündigung, die Polizei sei im Besitz eines Teils der Saliera, mochte man glauben, smarte Agenten hätten die goldene Meeresmistgabel dem dreisten Dieb im harten Infight abgerungen. Aber nein, der hatte sie selber deponiert, hübsch in Richtung KHM ausgerichtet und mit einem der Schnipsel versehen, mit denen der Unbekannte die eifrigen Kottane einen Tag lang an der Nase herum führte. Kommt in den besten Comics vor, aber warum in aller Welt erzählt man solche Peinlichkeiten unter dem Titel "Ermittlungsstand"?
Es habe bei der freitäglichen Pressekonferenz in der Roßau eine Atmosphäre unfreiwillig heiterer Hilflosigkeit geherrscht, berichten die Teilnehmer an der Pressekonferenz. Das kann man gut nachvollziehen, wenn man sich vor Augen hält, wie inkonsistent die Polizeivertreter ihren Auftritt begründeten: Einerseits hieß es, man sei durch den Mediendruck dazu gezwungen worden, andererseits präsentierte man die Veröffentlichung von Fotos des mutmaßlichen (Mit-)Täters als logischen nächsten Schritt der Ermittlungen.
Das geht irgendwie nicht so wirklich zusammen. Wenn man beabsichtigte, den nächsten Schritt der Ermittlungen einzuleiten, hätte man sich die hektischen Verhandlungen mit dem "profil" über ein Zurückhalten der bisher bekannten Informationen sparen können. Wenn man aber befürchten musste, dass "profil" oder andere Medien das Bild hätten bringen können, sollte man die Frage nicht ganz außer Acht lassen, von wem diese Medien die Fotos und all die anderen Informationen denn haben konnten.
Doch wohl nur von den Ermittlern selbst. Und da stellen sich dann einige unangenehme Fragen nach der tatsächlichen Verantwortung für die bejammerte Indiskretion. Wenn der oberste Saliera-Ermittler vor den Medien treuherzig erklärt, er hätte gern "mehr Zeit für die Ermittlungen" gehabt, sollte er sich vielleicht einmal fragen, warum er die nicht hatte. Die Antwort ist ziemlich einfach: Weil er offenbar über einen Apparat verfügt, der nicht dazu in der Lage ist, die Grundvoraussetzung für effiziente Ermittlungen, nämlich die Einhaltung der gesetzlichen Verschwiegenheitspflicht, zu erfüllen. Die Verantwortung dafür, dass sich polizeiliche Ermittlungsergebnisse ungefähr so schnell herumsprechen wie die Todesumstände verwichener Prominenter, tragen weder "profil" noch andere Medien, sondern ausschließlich der Polizeiapparat selbst und die zuständige Innenministerin.
Gerade in Fällen wie dem der Saliera ist die Aufgabe der Polizei alles andere als einfach. Wer die eigenen Fehler einfach den Medien anlastet, ist aber fast so frech wie der Dieb, der die Ermittler narrt.

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