Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Der Bombe sei Dank

60 Jahre Weltgeschichte zeigen: Staaten mit Atomwaffen leben ziemlich sicher. Niemand hat es gewagt sie anzugreifen. Das Risiko einer vernichtenden Antwort war zu groß.

Diese Erkenntnis widerspricht zwar der vorherrschenden Meinung, ist aber dennoch wahr. Seit beide Seiten Atomwaffen haben, bemühen sich etwa Indien wie Pakistan, bemühen sich China wie Indien, ihre Territorialkonflikte in einer viel zivilisierteren Art und Weise als zuvor abzuhandeln. Auch die historisch gesehen völlig ungewohnte Mäßigung, mit der in Europa nach 1945 zwischenstaatliche Probleme behandelt worden sind, hat nicht nur mit dem Schock der zwei Weltkriege, sondern auch viel mit der nuklearen Gefahr zu tun.
Ist also die Atombombe der große Friedensstifter geworden? Bevor wir auf Grund dieser erstaunlich positiven Bilanz allzu laut in eine Hohelied ausbrechen, sollten wir uns aber auch die Kehrseite anschauen. Zum einen gab und gibt es ein hohes Risiko einer Katastrophe als Folge eines Defekts oder Irrtums oder krimineller Einzeltäter. Zum anderen haben Länder wie Iran oder Nordkorea entdeckt, dass man mit dem Besitz der Bombe plötzlich zu einem absolut privilegierten Mitglied der Völkergemeinschaft wird. Man muss nur, so sind sie nicht ohne Grund überzeugt, durch kluge Tarn- und Täuschmanöver jene Phase übertauchen, in der man die Bombe noch nicht fertig gebaut hat. Dabei entdeckt man auch, wie leicht sich die Welt täuschen lässt, weil sie Gefahren gerne verdrängt.

Auch die neue französische Politik, Atomwaffen kleiner zu dimensionieren, um sie künftig gegen kleinere Gruppen wie Terroristen (deren Hauptquartier freilich selten im Telefonbuch steht) einsetzen zu können, lehrt Iran&Co, dass man nur als Nuklearstaat sicher wäre.

Beängstigend. - Oder könnte etwa gar durch die iranische Bombe künftig ein Gleichgewicht des Schreckens zwischen Israel und den Moslems und ein überraschender Weg zu einem Nahostfrieden geschaffen werden? Dies wäre wohl die ungewöhnlichste Ironie der Weltgeschichte.

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