"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Operation Uni-Zulassung ist vorerst gründlich missglückt" (von Norbert Swoboda)

Ausgabe vom 19.01.2006

Graz (OTS) - Es war der groteske Höhepunkt und der Abschluss einer Kindesweglegung: In Graz kämpften 1000 Studenten zwei Tage lang um nur 100 Studienplätze in Humanmedizin. Aus ganz Österreich und Deutschland waren die Studierenden nach einem "virtuellen Studium" angereist.

Die beinharte Prüfung selbst war zwar perfekt organisiert. Aber was soll man von einem System halten, das hunderte Studenten in Flugzeuge und Autos zwingt, um 660 Fragen eines riesigen Stoffgebietes zu beantworten? Genauso wenig wie die Österreicher, die fürchten müssen, von den zulassungserprobten Nachbarn überflügelt zu werden, erlebten sie je einen Professor "live".

Das Trauerspiel, auf dem Rücken der Studenten und Universitäten aufgeführt, begann vor Jahren. Mehrere Regierungen schlugen alle Warnungen in den Wind, dass das heimische Modell in der EU nicht zu halten wäre. Vorbereitungen für den Tag "X" gab es nicht.

Als das Urteil im Juli eintraf, ließen Regierung und Parlament die Universitäten auf ihrer Autonomie sitzen und verfügten sich in die Ferien.

Die Folgen: Schlitzohrig unterliefen die Unis Wien und Innsbruck das Urteil und sperrten ihre Pforten. Die Grazer blieben übrig. Sie, die sich mit einem Einführungs-Semester vorbereitet hatten, waren plötzlich das letzte Schlupfloch für den deutschen Sprachraum.

Das absurde Ergebnis: 1400 Hörer mussten mit dem Computer vorlieb nehmen und zuletzt eine Monsterprüfung ablegen. Und nur die besten "Streber" werden durchkommen.

Die Kindesweglegung geht so weit, dass nicht einmal ministerielle Beobachter nach Graz entsandt wurden. Auch die künftige "Lösung" wird delegiert: Ein sündteurer Schweizer Test ist Favorit, den die Deutschen vor Jahren verworfen haben. Die Schweiz soll sogar die Auswertung (!) übernehmen.

Der Grazer Monstertest ist nicht nur direkter Beweis für die Untätigkeit der Hochschulpolitiker. Er zeigt krass die eigentümlichen Verhältnisse des Medizin-Studiums - europaweit - auf. Es ist kein Studium im herkömmlichen Sinn, sondern eine Medizin-Fachausbildung. Mit Eintrittskarte in eine Zunftwelt wie im Mittelalter - in den reglementierten Gesundheitssektor. Klar, dass junge Menschen alles daran setzen, einen Ausbildungsplatz zu ergattern - der Job mit Kassenvertrag bis zur Pension ist praktisch garantiert.

Doch von Überlegungen, wie man dies anders gestalten könnte, sind Bildungs- und Gesundheitspolitiker weit entfernt. Im Gegenteil: Für kommenden Herbst gibt es kein vernünftiges Notkonzept. ****

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