Jüdisches Museum würdigt Manès Sperber

Ausstellung "Die Analyse der Tyrannis" präsentiert bisher ungezeigtes Material

Wien (OTS) - "Er war ein scharfsichtiger Beobachter der Politik
und unbeugsamer Kritiker von Fehlentwicklungen", würdigte Paul Lendvai in seiner Eröffnungsrede Manès Sperber. Er zeigte sich beeindruckt von der Materialfülle der Ausstellung, die Sperbers Werk endlich differenziert darstelle, betonte Lendvai, der Sperber über lange Jahre persönlich kannte. Museumsdirektor Karl Albrecht-Weinberger dankte Dan Sperber, dem Sohn des Literaten, der eigens zur Eröffnung angereist war und für die Ausstellung sehr viele bislang unbekannte Fotos und Dokumente zur Verfügung gestellt hatte. Weinberger würdigte auch die Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Literaturarchiv in der Nationalbibliothek, das den Löwenanteil des Sperber-Materials zur Verfügung stellte. Er zeigte sich erfreut, dass auch die Verleihung des diesjährigen
Manès-Sperber-Preises an Karl-Markus Gauß einen Tag nach der Eröffnung mit einem Symposium im Museum begleitet wird.

Die von Marcus Patka und Mirjana Stancic erarbeitete und Architekt Checko Sterneck gestaltete Schau präsentiert Bildmaterial aus Sammlungen von 40 Leihgebern aus Österreich, Deutschland, Frankreich, Israel und den USA das größtenteils zum ersten Mal gezeigt wird. Der von den beiden Ausstellungskuratoren gestaltete Band ist zum Preis von 24,90 Euro im Bookshop des Jüdischen Museums erhältlich. Die Ausstellung "Die Analyse
der Tyrannis" - Manès Sperber ist von 18. Jänner bis 10. März 2006 im Jüdischen Museum Wien (1., Dorotheergasse 11) Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, an Donnerstagen von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Eintritt:
5,- Euro/ 2,90 Euro ermäßigt. Schulklassen in Begleitung eines Lehrers haben freien Eintritt und eine kostenlose Führung. Detailinformationen zur Ausstellung, die in Kooperation mit dem Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek organisiert wird, und zum Begleitprogramm finden Sie auch unter http://www.jmw.at/ .

Manès Sperber -Ein unbequemer Kritiker und Mahner

Schoa und Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Marxismus, Anti-Stalinismus, die Auseinandersetzung mit dem Unterbewussten - die großen geistigen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts stehen im Mittelpunkt des Werks von Manès Sperber, dem das Jüdische Museum nach Ausstellungen über literarische Persönlichkeiten wie Joseph Roth, Karl Kraus oder Paul Celan eine eigene Werkschau widmet.

In seiner dreiteiligen Autobiografie "All das Vergangene" und seinem opus magnum, der Romantrilogie "Wie eine Träne im Ozean", legt er Rechenschaft ab über seinen Lebensweg zwischen den zuvor genannten Antipoden. Scharfsinnige Essays zur Psychologie des Zeitgeschehens prägen sein Werk. Als seine wichtigste Schrift bezeichnet Sperber die 1938 verfasste Studie "Zur Analyse der Tyrannis", die Nationalsozialismus und Stalinismus gleichermaßen demaskiert. Im Kalten Krieg tritt Sperber vielfach als Mahner und moralisches Gewissen in Erscheinung und gehört zu den bedeutendsten Intellektuellen europäischen Formats. Seine Analysen in Radio- und TV-Diskussionen über den Kalten Krieg und für die Verteidigung der Demokratie sind legendär.

1905 im ostgalizischen, von chassidischer Tradition geprägten Stetl Zablotow (heute Ukraine) geboren, flüchtet die Familie Sperber 1916 vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien. Hier schließt sich der jugendliche Manès Sperber der zionistischen Jugendbewegung Haschomer Hazair an und wird schon in jungen Jahren zum Lieblingsschüler von Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie. 1927 geht er nach Berlin und tritt der Kommunistischen Partei Deutschlands bei, was in weiterer Folge zum Bruch mit Adler führt. Im März 1933 in Berlin verhaftet und bald darauf aus Deutschland ausgewiesen, flieht er über Prag, Wien und Süddalmatien nach Paris, wo er im Kreis des literarischen Widerstands um Anna Seghers und Egon Erwin Kisch aktiv wird. In Paris lernt er auch André Malraux kennen, der bis an sein Lebensende zu einem seiner engsten Vertrauten zählt. Den Bruch mit dem Kommunismus vollzieht Sperber 1937 kurz nach dem gleichen Schritt seines engen Freundes Arthur Koestler. Durch den Eintritt in die französische Fremdenlegion im Dezember 1939 entgeht Sperber der Verhaftung als "feindlicher Ausländer", im September 1942 gelingt die Flucht in die Schweiz. Nach dem Krieg gibt er im Auftrag von André Malraux in Mainz die Zeitschrift "Die Umschau" heraus, bald finden sich beim Rundfunk und im Verlag Calmann-Lévy neue Betätigungsfelder. 1950 gehört Sperber zusammen mit Arthur Koestler zu den Mitinitiatoren des "Kongresses für kulturelle Freiheit" in Berlin, der sich gegen totalitäres Denken wendet und in anderen Städten fortgesetzt wird. Mit zahlreichen Preisen geehrt, zieht es ihn immer wieder nach Wien, das ihm aus der Ferne geistige Heimat bleibt. Die Ausstellung im Jüdischen Museum präsentiert Dokumente aus dem Nachlass (Österreichisches Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek; Dan Sperber, Paris) und aus entsprechenden Sammlungen in Frankreich, Deutschland, Israel und Kroatien. Hinzu kommt ein audiovisueller Bereich, der nicht zuletzt auch eine vergangene TV-Ästhetik erstehen lässt.

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