DER STANDARD-Kommentar: Gönnerhafte Gehrer - von Thomas Trenkler

Österreich hat im Umgang mit der NS-Vergangenheit doch nicht viel gelernt

Wien (OTS) - Was denkbar gewesen wäre: Kulturministerin Elisabeth Gehrer reagiert spontan auf die Feststellung des Schiedsgerichts, nach dem die Voraussetzungen für die Rückgabe von fünf Klimt-Gemälden erfüllt sind, und gibt eine Pressekonferenz. Sie bekennt offen ein:
"Wir sind dankbar dafür, dass wir eine Schuld gutmachen können, wir geben die Bilder selbstverständlich zurück - ohne Wehmut. Wir bedauern, engstirnig, besitzgeil, unfair gewesen zu sein."

Was war: Gehrer gab keine Pressekonferenz in Wien. Sie bekannte keine Schuld ein. Sie ließ eine Mail mit einem Kernsatz versenden, der die Geisteshaltung nicht einmal kaschiert: "Obgleich es sich bei den fünf Gemälden von Gustav Klimt um herausragende Werke der österreichischen bildenden Kunst des frühen 20. Jahrhunderts handelt, wird die Republik dem Schiedsspruch Folge leisten."

Reden wir Klartext: Ohne den internationalen Druck, den Anwalt Randol E. Schoenberg durch Anrufung des US- Gerichts aufbaute, das sich trotz bilateraler Probleme sehr wohl für den brisanten Fall zuständig erklärte, wäre nichts passiert. Mit Gewährsleuten wie Arthur Rosenauer, Ordinarius für Kunstgeschichte an der Uni Wien, und Gottfried Toman von der Finanzprokuratur, dem Rechtsvertreter, hätte man die Argumentation der Nachkriegszeit bis über den Tod der Klägerin Maria Altmann hinaus beibehalten:

Adele Bloch-Bauer wollte, dass die Bilder in die Österreichische Galerie kommen - und damit basta. Dass Ferdinand Bloch-Bauer, der Witwer, die Bitte zwar zu erfüllen trachtete, aber dieser im Endeffekt nicht nachkommen wollte, weil er, von den Nationalsozialisten enteignet, im Zürcher Exil zu leben hatte:
geschenkt. Dass Bloch-Bauer oder seine Erben die Bilder erst hätten zurückbekommen müssen, bevor sie Adeles Bitte umsetzen könnten: egal.

Denn die gängige Praxis war: Was uns einmal gehört, das geben wir nicht mehr her, das verteidigen wir mit allen Klauen. Und diese Praxis gibt es weiterhin. Wilfried Seipel, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums, hatte anfänglich überhaupt kein Interesse, dass über die Zwangsschenkungen der Rothschilds berichtet wird: Den Briefverkehr, der 1998 in seinem Museum gefunden worden war, wollte er nicht aus der Hand geben. Erst als sich ein Mann im Ministerium fand, der den Standard Einblick in die Unterlagen nehmen ließ, änderte Seipel seine Haltung.

Dass es keine Läuterung gab oder gibt, das lässt sich recht unverblümt an Kommentaren von Kunsthistorikern und von manchen Medien ablesen. Gerbert Frodl, Direktor der Österreichischen Galerie, beklagt den "großen Schaden für Österreich", so der Titel der Kronen Zeitung über die Konsequenzen der Entscheidung, und Arthur Rosenauer schrieb in der Presse, er sehe im Verlust der Bilder "so etwas wie einen kulturellen Supergau".

Dieses Wort ist einerseits maßlos übertrieben, andererseits erschreckend verniedlichend: Für Rosenauer ist der Verlust der Bilder ein Unfall, ein Betriebsunfall. Und es gibt sehr wohl einige Patrioten, die davon träumen, dass die Regierung den Schiedsspruch anficht - wegen Nichtigkeit, was theoretisch möglich ist.

Rosenauer kann sich noch immer nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass die Bilder irgendwo anders hängen können als in der Stadt, aus der die Eigentümer vertrieben wurden. Als Mitglied der Restitutionskommission hatte er einst die Rückgabe abgelehnt. Der Republik ist gerade durch das Beharren auf dem Besitz ein "großer Schaden" entstanden: von der Reputation her wie auch finanziell. Denn der verlorene Rechtsstreit dürfte Österreich rund 3,5 Millionen Euro gekostet haben - für die Anwälte, die Gutachter und das Schiedsgericht.

Der Imageschaden wird auch nicht kleiner, wenn Elisabeth Gehrer erklärt, dass man dem Schiedsspruch Folge leisten wird, "obgleich" es sich um herausragende Werke handelt. Denn sie gibt zwischen den Zeilen zu verstehen, dass sich die Republik nicht einsichtig, sondern bloß gönnerhaft verhält. Ein solcher Satz ist purer Sarkasmus.

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