WirtschaftsBlatt Kommentar vom 18.1.2006: Kälte, Schnee und falsche Hoffnungen - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Im heurigen Jänner liegt viel Schnee, was heutzutage ja schon einer besonderen Erwähnung bedarf. Die Tourismusindustrie bereitet sich auf den Rekord von 60,4 Millionen Nächtigungen vor und profitiert dabei von einem seit 1998 zu beobachtenden Trend nach oben, der auch schon in schneearmen Wintern geholfen hat. Kurzum:
Gastronomie, Hotellerie, Sportausrüster und Liftbetreiber dürfen sich mehr als freuen, es ist tatsächlich Halbzeit einer guten Wintersaison.
Mehr sollte man über sie besser nicht aussagen und schon gar nicht in spätere Jahre hochrechnen, auch wenn es ins Auge springt, dass die Wintersaison 2005/06 dank der zahlreichen Nächtigungen dabei ist, die Sommersaison zu schlagen. Beim Umsatz tut sie das ja schon lange, denn das Wintervergnügen ist kostspieliger.
Das Wort von einer "historischen Trendwende" klingt bedeutend, ist aber problematisch. Die Vorlieben von Urlaubern sind so unzuverlässig wie der Schnee im Winter und der Sonnenschein in der österreichischen Sommersaison. Nur eines kann leider mit Sicherheit vorausgesagt werden: Wenn die Wintersaison scheinbar gut läuft, muss Jahr für Jahr genug Schnee da sein, egal, wie viel die Natur hergibt. Im Optimismus der Tourismusindustrie ist also der Trotz gegen den Trend im globalen Klima eingebaut. Er trägt den Arbeitstitel "Schneekanone". Österreichs Berge werden noch mehr zugeschneit werden, als es schon der Fall ist; Wasser, Chemie und Energie machen’s möglich.
Bloss darüber zu raunzen, genügt nicht. Was sollen Wintersportorte, in denen es kein einziges von der Freizeitindustrie unabhängiges Unternehmen gibt, machen? Gegen die Schneekanone als technisches Hilfsgerät, das so eingesetzt wird wie ein Notstromaggregat, ist nichts einzuwenden. Schifahrer und Snowboarder, die im Winter in ein paar taufrische Tage geraten, werden es zu danken wissen. Nur sollte kein Bürgermeister und kein Tourismus-Verantwortlicher glauben, dass Österreichs Gebirgswelt naturunabhängig betrieben werden könnte. Urlaubermassen werden sich auf Dauer nicht in einer Freiluft-Kunstschneeanlage vergnügen wollen, die zwar riesig ist, aber sicht-, hör- und spürbar artifiziell bleibt.
Was tun also? Auch in der Unternehmensplanung Bodenhaftung bewahren. Das Konzept der Tourismuszentren erlaubt eine sinnvolle Arbeitsteilung. Es wird in einem Zentrum auch Lagen geben, deren Betreiber mit nur einer Saison pro Jahr zufrieden sein müssen.

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