"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von späten Lehren, die man hoffentlich nie mehr braucht" (Von Walter Titz)

Ausgab vom 17.01.2006

Graz (OTS) - Heute wird offiziell der Spruch eines unabhängigen Schiedsgerichts verkündet, nach dem fünf Gemälde von Gustav Klimt Maria Altmann zugesprochen werden (Bericht auf den Seiten 50/51). Damit geht österreichisches Staatseigentum (die Bilder zählten zu den Schätzen der Österreichischen Galerie im Wiener Belvedere) in amerikanischen Privatbesitz über.

Das mag Bedauern hervorrufen. Bedauern, das im speziellen Fall sogar ein Testament auf seiner Seite hat. Adele Bloch-Bauer wollte die Gemälde der genannten Galerie vermachen.

Nichts ändert das aber daran, dass die Entscheidung überfällig war und zu respektieren ist. Etwas anderes wird heute nicht verkündet werden. Es ist beschämend genug, dass man Jahr um Jahr vergehen ließ, um zu einer Lösung zu kommen.

Noch beschämender ist freilich, wie die Republik insgesamt die Rückgabe von Werten, welche die Nazis vor allem Österreichern jüdischer Herkunft abgepresst und geraubt hatten, verschleppte. Wie sie Restitution auf gut Österreichisch gleich "gar nicht einmal ignorierte". Nur wer von sich aus aktiv wurde und entsprechend hartnäckig war, hatte nach 1945 überhaupt Chancen, etwas zurückzuerhalten.

1996 wollte man mit der Versteigerung von vermeintlich herrenlosen Kunstschätzen zugunsten von Entschädigungszahlungen das unangenehme Thema ein für allemal vom Tisch bringen. Die so genannte Mauerbach-Aktion machte erst recht bewusst, wie viel da verschlampt worden war. Immerhin: Im Herbst 1998 kam es zur Einsetzung der Kommission für Provenienzforschung. Diese durchforstete den Bestand der Bundesmuseen systematisch nach Objekten, die auf dunklen Wegen in Sammlungen gekommen waren. Der Befund ist deprimierend. Mehr als 4000 Exponate wurden bislang zurückgegeben.

Andere Institutionen starteten ebenfalls die Aufarbeitung ihrer Bestände. So die Nationalbibliothek, die rund 26.000 Objekte als unrechtmäßiges Eigentum deklarieren musste. Fazit: Häuser mit gänzlich weißen Westen sind rar.

Mit der aktuellen Entscheidung ist der spektakulärste Fall vorerst abgeschlossen. Was man daraus lernen kann? Rechtzeitiges Handeln erspart Geld, Nerven, vor allem aber die (weitere) Beschädigung von Menschenwürde.

Bleibt noch der Wunsch, dass man solche - späten - Lehren nie mehr braucht.

Die Zukunft der Bilder? Sollte das eine oder andere in Österreich bleiben - schön. Für Klimts Genie lässt sich allerdings auch anderswo werben.****

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