- 16.01.2006, 18:05:41
- /
- OTS0224 OTW0224
Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar
Wien (OTS) - Die Voest ist weg
Verständigung statt Hass: Chiles neue Präsidentin hat ein gutes
Motto gewählt, wie das Land mit seiner jüngeren Geschichte umgehen
will. Das Motto erinnert an Südafrika mit einer anderen hasserfüllten
Vergangenheit, die ebenfalls durch strafloses Beiseiteschieben
vergangener Untaten beider Seiten erfolgreich neutralisiert worden
ist. Beide Länder werden freilich in ein paar Jahrzehnten, wenn die
Bürgerkriegsgeneration ins Greisenalter abgesunken ist, von ihren
Enkeln mit einer bekannten Frage konfrontiert werden: Warum man die
Verbrechen der Vergangenheit denn verdrängt habe?
Schon zu Amtszeiten wird die chilenische Präsidentin aber
aufpassen müssen, dass sie nicht mit einem anderen Vorwurf
konfrontiert wird: Nämlich dem, die tollen wirtschaftlichen Erfolge
des Landes durch eine blauäugige Politik gefährdet zu haben.
*
Ein Schiedsgericht hat beschlossen, die umstrittenen Klimt-Bilder
an die Erbenfamilie zurückzugeben. Was einen großen Verlust für
Österreich und das Belvedere darstellt (wenn nicht noch der
Steuerzahler tief in die Tasche greift).
Dazu drängen sich zwei Anmerkungen auf. Erstens: Der Anspruch des
Museums war kein willkürlicher, bösartiger oder antisemitischer,
sondern ein juristisch genauso gut argumentierter wie jener der
nunmehrigen glücklichen Erben. Zweitens: Der in feingesponnener
Diplomatie gefundene Weg, diese Entscheidung über ein
österreichisches Schiedsgericht zu finden, war ein kluger; er nimmt
allen unguten Spekulationen (etwa über amerikanische
Interessenjurisprudenz) den Boden.
*
Während bei der Postgewerkschaft offenbar die Vernunft eine Chance
bekommt, sind manche Sprüche des SPÖ-Wirtschaftssprechers sehr
verräterisch. Wie etwa: "Nun ist auch die Voest weg." Da diese ja
noch existiert (mit mehr Mitarbeitern als zuvor), kann er nur eines
gemeint haben: Die Voest ist durch die Privatisierung nun endültig
dem Einfluss jener Partei entzogen, die dort früher das Sagen und
Posten zu vergeben hatte. Schlecht?
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR






