Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Die Voest ist weg

Verständigung statt Hass: Chiles neue Präsidentin hat ein gutes Motto gewählt, wie das Land mit seiner jüngeren Geschichte umgehen will. Das Motto erinnert an Südafrika mit einer anderen hasserfüllten Vergangenheit, die ebenfalls durch strafloses Beiseiteschieben vergangener Untaten beider Seiten erfolgreich neutralisiert worden ist. Beide Länder werden freilich in ein paar Jahrzehnten, wenn die Bürgerkriegsgeneration ins Greisenalter abgesunken ist, von ihren Enkeln mit einer bekannten Frage konfrontiert werden: Warum man die Verbrechen der Vergangenheit denn verdrängt habe?

Schon zu Amtszeiten wird die chilenische Präsidentin aber aufpassen müssen, dass sie nicht mit einem anderen Vorwurf konfrontiert wird: Nämlich dem, die tollen wirtschaftlichen Erfolge des Landes durch eine blauäugige Politik gefährdet zu haben.

*

Ein Schiedsgericht hat beschlossen, die umstrittenen Klimt-Bilder an die Erbenfamilie zurückzugeben. Was einen großen Verlust für Österreich und das Belvedere darstellt (wenn nicht noch der Steuerzahler tief in die Tasche greift).

Dazu drängen sich zwei Anmerkungen auf. Erstens: Der Anspruch des Museums war kein willkürlicher, bösartiger oder antisemitischer, sondern ein juristisch genauso gut argumentierter wie jener der nunmehrigen glücklichen Erben. Zweitens: Der in feingesponnener Diplomatie gefundene Weg, diese Entscheidung über ein österreichisches Schiedsgericht zu finden, war ein kluger; er nimmt allen unguten Spekulationen (etwa über amerikanische Interessenjurisprudenz) den Boden.

*

Während bei der Postgewerkschaft offenbar die Vernunft eine Chance bekommt, sind manche Sprüche des SPÖ-Wirtschaftssprechers sehr verräterisch. Wie etwa: "Nun ist auch die Voest weg." Da diese ja noch existiert (mit mehr Mitarbeitern als zuvor), kann er nur eines gemeint haben: Die Voest ist durch die Privatisierung nun endültig dem Einfluss jener Partei entzogen, die dort früher das Sagen und Posten zu vergeben hatte. Schlecht?

www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001