Gerechter Ausgang eines schmerzhaften Prozesses

Presse-Leitartikel vom 17.01.2006 von Norbert Mayer

Wien (OTS) - Gerechter Ausgang eines schmerzhaften Prozesses

LEITARTIKEL von Norbert Mayer

Maria Altmann darf fünf Klimt-Bilder erben. Österreich verzichtet auf einen Schatz und gewinnt an Image.

Meine 2 Porträts und die 4 Landschaften von Gustav Klimt, bitte ich meinen Ehegatten nach seinem Tode der österreichischen Staats-Gallerie in Wien#.#.#.# zu hinterlassen#.#.#." Dieser letzte Wille Adele Bloch-Bauers, Anfang 1923, zwei Jahre vor ihrem Tod, geschrieben, gilt nicht mehr _ und das ist auch recht so. Denn der Wille dieser äußerst großzügigen und sozial denkenden Frau schließt nicht mit ein, wie der Staat mit der Österreich so stark verbundenen jüdischen Familie Bloch-Bauer umgegangen ist.
Adeles Mann Felix Bloch-Bauer hatte gar nicht die Gelegenheit, Österreich all diese schönen Bilder zu hinterlassen, die Ostmark hat das zu verhindern gewusst. Das "Wasserschloss" hat der Industrielle bereits 1936 in der Zeit des Ständestaates dem Museum geschenkt, doch die "Übergabe" der übrigen fünf Bilder wurde von den Nazis abgewickelt. Nach dem Anschluss 1938 wollten Hitlers willige Vollstrecker mit Bloch-Bauer so wie mit Zehntausenden anderen Juden in Österreich verfahren: Das Vermögen konfiszieren, den Besitzer umbringen. Ersteres haben sie erreicht, doch zumindest zählte der Industrielle zu den wenigen Glücklichen, die sich ins Exil retten konnten.
Man möchte meinen, dass nach diesem besonderen Verlauf der Geschichte nicht nur der Wille Adele Bloch-Bauers, sondern auch der ihrer Erben hätte zählen sollen, aber es dauerte mehr als 60 Jahre, bis sich diese Meinung durchsetzen konnte. Bis 2005 hat die Republik mit allerlei Winkelzügen behauptet, der rechtmäßige Besitzer der von den Nazis konfiszierten Bilder zu sein. Das war zwar nach den Buchstaben des Gesetzes korrekt, nicht aber vom moralischen Standpunkt aus. Wer so argumentiert, hat kein Herz. Wer so rechnet, ist schäbig und entspricht der ab 1945 gepflegten Einstellung zur Restitution, in der sich Rot und Schwarz lange Zeit einig waren: hinauszögern, bis sich das Problem biologisch löst.

Erst im Vorjahr, nach jahrelangem Ringen vor österreichischen und amerikanischen Gerichten, haben sich die Bundesregierung und die Klägerin Maria Altmann darauf geeinigt, ein verbindliches Schiedsverfahren zu akzeptieren, das den Streit endgültig schlichtet. Der Schiedsspruch wird heute, Dienstag, veröffentlicht, und es ist eine weise Entscheidung geworden, so schmerzhaft dies auch für die Österreichische Galerie Belvedere sein mag. Die Erben der Verfolgten haben sich durchgesetzt. Das hebt zwar nur einen Bruchteil des Unrechts auf, doch es ist mehr als eine Geste. Die Republik ist bereit, auf einen Schatz zu verzichten, auf einen wichtigen Teil österreichischer Identität. Man wird aber an Identität nicht verlieren, sondern durch diesen spektakulären Fall an Image gewinnen. Es ist ja doch ein gutes Land, wenn es nur will. Nein, das muss man noch präzisieren. Erstaunlicher Weise hat gerade die konservative Regierung unter Wolfgang Schüssel in Fragen der Restitution am meisten bewirkt, von der Regelung für die Zwangsarbeiter bis zum Bilderstreit. Respekt, Herr Bundeskanzler! Wer hätte das im Jahr 2000 gedacht, als Hysteriker bereits eine diktatorische Wende herbei schrieben? Jetzt zeigen diese Verfemten in einer wesentlichen Frage mehr Charakter als ein halbes Dutzend Kabinette zuvor _ gar nicht zu reden von den Verwaltern kolonialen Raubgutes, das in den nationalen Museen der Briten, Franzosen, Belgier, Holländer zu Unrecht gehortet wird.

Aber es wird doch wohl auch erlaubt sein, den unersetzlichen Verlust an Kulturgut zu bedauern? Wer weiß, vielleicht ist noch gar nichts verloren. Das Belvedere und seine vielen Gönner können nun beweisen, was ihnen die Bilder wirklich wert sind. Vielleicht lässt Frau Altmann, die nun letztendlich fair behandelt wurde, sogar mit sich reden und bietet der Österreichischen Galerie die Bilder mit einem Vorkaufsrecht an. Das würde zwar immer noch teuer sein, aber weh tun wird es wohl dürfen, wenn man einen lange verschobenen Heilungsprozess durchmacht.
Und das angebliche Horrorszenario? Die Bilder landen in einem Museum in Los Angeles oder New York. Ist das wirklich so schlimm? Dann hat Österreich mit diesen Gemälden fünf neue Botschafter in der Welt, die Überzeugungsarbeit für unsere Weltkultur leisten. Vielleicht mutieren die Amerikaner dadurch zu besseren Menschen. Und im Belvedere werden fünf Wände frei für die österreichischen Klimts von morgen. So viel Selbstvertrauen müssten wir Mozart-Erben schon noch besitzen.

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Gastkommentar Seite 30

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