"Kleine Zeitung" Kommentar: "Solide Wachsamkeit, nicht Panik schützt vor dem Erreger" (von Martin Link)

Ausgabe vom 14.01.2006

Graz (OTS) - Ist die Vogelgrippe auf dem besten Weg, eine große Zahl von Menschen im Stil einer weltweiten Seuche dahinzuraffen, weil sich das veränderte Virus alsbald direkt von Mensch zu Mensch ausbreitet?

Oder ist die genetische Veränderung, die britische Wissenschaftler an Viren aus der Türkei festgestellt haben, eine harmlose Laune der Natur, typisch für Viren aller Art?

Wer einen seriösen Wissenschaftler findet, der auf eine der beiden Fragen mit einem klaren Ja antwortet und logische Argumente dafür nennen kann, sollte einen Preis bekommen.

Denn selbst die honorige Human- und Tiermedizin, die Panikmache und kollektive Hysterie gewohnheitsmäßig verabscheut, ringt diesfalls um klare Aussagen. Grundtenor von regionalen Fachleuten über internationale Forscher bis hin zur Weltgesundheitsorganisation: Die Lage sei unter Kontrolle, Kontrolle sei aber das Gebot der Stunde.

Die verhaltene Reaktion der Experten hat gute Gründe: Der Nachweis einer veränderten und deshalb gefährlicheren Variante des Vogelgrippe-Erregers in der Türkei (schon in Asien 2003 und 2005 gefunden) könnte in der Tat eine neue Art der Bedrohung darstellen. Die Barriere, dass es bisher zu keiner Übertragung von Mensch zu Mensch kommen konnte, ist möglicherweise ins Wanken geraten.

Für Weltuntergangsszenarien, Hamsterkäufe und hypochondrische Panikattacken besteht trotz der veränderten Gefahrenlage aber kein Anlass.

Wenigstens in den westlichen Industrienationen ist das medizinische System gerüstet. Labors sind vernetzt, in Sekundenschnelle können Forschungsergebnisse übermittelt werden. Die Gesundheitsbehörden haben Vorsorge getroffen und zur Freude der Pharma-Riesen Medikamente eingelagert. Die Europäische Union und die Weltbank investieren beachtliche Summen in den Entwicklungsländern, um die Ausbreitung des Virus zu unterbinden.

Aufmerksamkeit, nicht Aufgeregtheit, und rasche Reaktion statt bürokratischem Schlendrian (den etwa Deutschland der Türkei vorwirft) werden das Virus einbremsen. Auch in einer Welt, in der Tag für Tag Millionen Menschen reisen.

Apokalyptische Visionen von entkräfteten Menschen mit Atemmasken, die sich vor Apotheken Schlachten um Medikamente liefern - sie bleiben den Drehbuchautoren vorbehalten.

Und an Stelle einer neuen Pest, die Vogelgrippe heißt, nähert sich die vertraute Influenza in diesen Wochen: Wie jedes Jahr wird sie weltweit tausende Menschen töten. Still und leise. ****

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