DER STANDARD Kommentar "Von Berlin lernen" von Harald Fidler

Ausgabe vom 14.1.2006

Wien (OTS) - Staunend blickt der gelernte Österreicher nach
Berlin. Der Verlagskonzern Springer will die Fernsehholding ProSiebenSat.1 übernehmen. Mit dem Boulevardblatt Bild gehört ihm die größte Tageszeitung. Reichweite: weniger als 20 Prozent. Dazu kommen Blätter wie Die Welt, Zeitschriften, Radiosender und so weiter. Anzeigenmarktanteil: rund 40 Prozent. ProSiebenSat.1 ist ein Riese im deutschen Fernsehen. Zuschauermarktanteil: rund 22 Prozent, Werbemarktanteil etwa 40 Prozent. Gegengewicht: Bertelsmann mit RTL-Gruppe und dem Magazinkonzern Gruner+Jahr. Geht nicht, sagt das deutsche Kartellamt. Damit es den Deal absegnet, muss die TV-Holding erst ProSieben verkaufen, wie Sat.1 ein Herzstück der Gruppe.

Wie war das in Österreich? Ende der Achtzigerjahre konnte sich die WAZ ungehindert von Kartellrecht und Medienpolitik rund 50 Prozent an Krone und Kurier einverleiben und sie in der Mediaprint vereinen. Das Kleinformat war schon damals mit 41,5 Prozent Reichweite Österreichs größte Tageszeitung. Den Ende der Achtziger zweitgrößten Kurier lasen 16,1 Prozent der Menschen ab 14.

2001 dann konnte dieser Mediaprintpartner Kurier noch seine Magazine in die News-Gruppe einbringen, die schon zuvor den Magazinmarkt beherrschte, und sich an dem Riesen beteiligen. Die Titel dieses Mediamilkonzerns erreichen gemeinsam fast 70 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen ab 14.

Von Berlin kann man lernen. Bevor sich etwa der ORF sein erstes Fernsehprogramm nicht mehr leisten kann oder (politisch unwahrscheinlich) darf und KroKuWAZ zuschlägt oder Medienriese Bertelsmann, dem RTL und der News-Konzern gehören. Und bevor die Medienbrüder Fellner wieder ein in die Höhe gepushtes Blatt an einen Marktbeherrscher verscherbeln.

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