"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Die Jagd nach dem Glück" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 14.01.2006

Wien (OTS) - Glück und Geld, das reimt sich zwar, aber es passt nicht immer zusammen. Glücksforscher wollen herausgefunden haben, dass die Gewinner hoher Geldsummen nur wenige Monate glücklicher waren als vorher; nach drei Jahren lag der Anteil der Depressiven laut einer englischen Untersuchung sogar höher als im Durchschnitt der Bevölkerung.
Dass Glück nicht käuflich ist, wird all jene trösten, die heute im Euro-Lotto den 103 Millionen Euro schweren Jackpot nicht geknackt haben. Die Wahrscheinlichkeit war ja ohnehin nicht wirklich groß: Man stelle sich 115 Wiener Telefonbücher mit jeweils gut 700.000 Teilnehmern vor; aus diesen 80 Millionen Nummern wird eine ausgelost und angerufen. Das entspricht ziemlich genau der Wahrscheinlichkeit von eins zu 80 Millionen, die richtigen Lottozahlen zu treffen.
Rein rechnerisch ist also schwer zu begründen, warum diese Woche wieder zigtausend Österreicher(innen) einen Schein ausgefüllt und mehr oder minder ernsthaft darauf gehofft haben, auf einen Schlag um 103 Millionen Euro oder umgerechnet mehr als 1,4 Milliarden Schilling reicher zu werden. Der Unsinn ist aber weit verbreitet: Laut Konsumerhebung hat jeder Haushalt im Vorjahr durchschnittlich 600 Euro in Glückspiele investiert - verglichen mit tausend Euro für den Urlaub eine nicht unbeträchtliche Summe.
Offenbar gilt bei der Jagd nach dem (finanziellen) Glück dasselbe wie bei den irrationalen Ängsten im Vergleich zu den echten Lebensrisiken: Je weniger real und konkret die Situation für den Betroffenen ist, umso größer sind die Emotionen, die sie auslöst. Aids, BSE, Vogelgrippe, Handymasten oder seit neuestem auch Feinstaubbelastung und Terrorgefahr am Urlaubsort: Das sind zweifellos zumindest zum Teil reale Bedrohungen, aber im alltäglichen Leben eines Durchschnittsösterreichers sicherlich minimale Risiken. Die Gefahr, an den durchaus vermeidbaren Folgen von Übergewicht, Bewegungsmangel, dem täglichen Päckle Zigaretten, an Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum zugrunde zu gehen, ist unvergleichlich größer.
Der Nürnberger Psychologe Reinhold Bergler hat diese Unwucht im Furchtempfinden einmal als "die Angst des Rauchers vor dem Schlangenbiss" bezeichnet.
Eine ähnliche Unwucht erleben wir aber auch im Umgang mit drohenden Veränderungen lieb gewordener Gewohnheiten. Wer in einer Villa mit schöner Aussicht (oder auch nur in einem Mehrfamilienhaus in solcher Gegend) lebt, wehrt sich vehement dagegen, dass in seiner Gegend weitere Wohnblöcke gebaut werden. So irrational können die Argumente gar nicht sein, dass sie Öffentlichkeit und Politikern nicht laut in den Ohren klingen.
Das gleiche gilt für den Verkehr. Aus der Wohnung in ruhiger Lage schimpft es sich natürlich leicht gegen Straßenbauten, die zur Entlastung anderer Wohnviertel geplant sind, einen selber aber belasten könnten. Am krassesten sind da jene Zeitgenossen, die sich erst aus Kostengründen in der Nähe einer vielbefahrenen Straße oder in einem Gewerbegebiet angesiedelt haben und dann später vehement Verkehrsbeschränkungen oder die Verlegung von Betrieben fordern. Gegen irrationale Hoffnungen und Ängste ist ebenso wenig ein Kraut gewachsen wie gegen den Egoismus von Zeitgenossen, die selber in Ruhe genießen wollen, was sie anderen verweigern. Wenn wir aber heute enttäusht zur Kenntnis nehmen müssen, dass der erhoffte Hundert-Millionen-Eurojackpot ungerechterweise schon wieder spurlos an uns vorübergegangen ist, kann das eine durchaus lehrreiche Erfahrung sein.
Die Hoffnung lebt zwar, und irgendwer kassiert ja irgendwann auch tatsächlich groß ab. Aber insgesamt lassen sich Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht austricksen.
Ein Schritt zurück, um von den eigenen Emotionen etwas Abstand zu gewinnen, kann nicht schaden. Es würde uns und unseren Mitmenschen in vielerlei Beziehung das Leben erleichtern.

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