Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Bösewicht Schröder?

Deutsche Agenten haben - wohl mit Wissen Gerhard Schröders - den USA im Irak-Krieg geholfen. Obwohl Schröder zwei Wahlkämpfe mit billiger Rhetorik gegen diesen Krieg bestritten hat. Das war jedenfalls den Wählern gegenüber ziemlich verlogen. War es aber auch vom Standpunkt der Staatsräson aus betrachtet völlig falsch?
Man kann die geheime Hilfe auch als Versuch sehen, den durch den eigenen Antikriegs-Populismus entstandenen außenpolitischen Schaden gering zu halten. Gewiss, heute wird der amerikanisch-britische Einmarsch im Irak von vielen als so abgrundtief unmoralisch dargestellt, dass er fast schon Hitlers Überfall auf Polen gleicht.

Es sprachen aber auch gute Argumente für die Hilfe an die USA:
Erstens Deutschlands Dankesschuld den Amerikanern gegenüber für die Jahrzehnte lange Verteidigung der Freiheit (nur hierzulande glaubt man, dass diese unserer Neutralität zu danken wäre). Zweitens die Solidarität in einem Bündnis. Drittens wollte Berlin die Kluft zwischen "altem" und "neuem" Europa nicht vertiefen; und im neuen Europa standen viele begeistert auf der Seite Amerikas. Viertens wusste damals niemand genau, ob Saddam Hussein nicht doch Massenvernichtungswaffen entwickelt; immerhin hat er das ja zuvor schon einmal getan; immerhin hat auch die UNO mehrfach diesen Verdacht geäußert; und selbst aus den USA gibt es keinen Beweis, dass damals bewusst gelogen worden ist (und man nicht Opfer dubioser Agenten und eigener Überinterpretation geworden ist). Fünftens hat Saddam die Inspektoren der UNO aus dem Irak hinausgeworfen. Sechstens war er der einzige Staatsführer, der schon zwei Angriffskriege auf Nachbarstaaten geführt hatte. Siebentens wollten die Saudis den Verbleib der zum Schutz Kuwaits (und auch Israels) aufgezogenen US-Armee nicht länger erlauben - ein schmachvoller Abzug der Amerikaner hätte Saddam aber auf Dauer zu einer dominanten Gefahr für den ganzen Nahen Ostens gemacht.

All das wusste auch Schröder. Deshalb ist sein Verhalten zumindest verständlich.

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