"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Der Traum von der Volksaktie" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 13.01.2006

Wien (OTS) - Die Post geht also an die Börse. Regierung, Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer jubeln und freuen sich auf die "Volksaktie". Was das sein soll? Laut Börsenlexikon "werden mit der Ausgabe von Volksaktien bestimmte wirtschafts- und vermögenspolitische Ziele verfolgt. Man versucht damit, Aktiensparen auch für Bezieher niedriger Einkommen zu ermöglichen."
Das passt genau ins Schema der Kapitalmarktpolitik dieser Regierung. Bei der staatlich geförderten "Prämienpension" müssen ja auch 40 Prozent der Einzahlungen in österreichischen Aktien angelegt werden. Damit soll die Wiener Börse gefördert werden.
Solange die Kurse steigen, ist das wunderschön und beschert den künftigen Pensionisten prächtige Gewinne. Kracht die Börse aber, was in regelmäßigen Abständen passiert, dann bleiben dank der vorgeschriebenen Kapitalgarantie gerade noch die Einzahlungen übrig und jedes Sparbuch wäre rentabler.
Ähnlich ist es bei der Volksaktie. Unterschwellig werden damit aber Sicherheit und Gewinn suggeriert - etwas anderes würde die Regierung dem "Volk" ja hoffentlich nicht unterjubeln. Oder doch? Prominentestes Beispiel einer zur Volksaktie hochgejubelten Privatisierungsaktion aus jüngerer Zeit ist die Deutsche Telekom. Deren Aktien notieren jetzt bei rund 15 Euro und damit nicht einmal ganz so hoch wie bei der Erstausgabe am 18. November 1996; dazwischen schwankte der Kurs zwischen 103,50 und einem Minimum von 8,42. Kleinanleger, die zum falschen Zeitpunkt eingestiegen sind, haben Milliarden verloren.
Verantwortungsbewusste Politiker und Interessenvertreter sollten deshalb mit dem Begriff "Volksaktie" sehr, sehr vorsichtig umgehen. Und sie sollten auch nicht, wie Staatssekretär Finz das getan hat, Äpfel und Birnen vergleichen. Gewiss, die Mitarbeiterzahlen bei OMV, Voest, AUA, Flughafen oder Böhler-Uddeholm sind seit der Privatisierung zum Teil gewaltig gestiegen. Das ist aber nicht darauf zurückzuführen, dass die Aktien dieser Unternehmen nun an der Börse notieren. Zu verdanken sind die Erfolge dem guten Management und vor allem der Tatsache, dass die Regierung den Unternehmen seit der Privatisierung nichts mehr dreinreden kann.
Bei der Post ist das anders. Mit 51 Prozent behält der Staat weiterhin die Mehrheit. Selbst der frühere Siemens-Chef und jetzige Wiener Industrie-Präsident Albert Hochleitner zeigt sich darüber erfreut: "Dadurch wird sichergestellt, dass österreichische Anliegen inklusive der Versorgungssicherheit weiter gewährleistet sind." Unabsichtlich die Wahrheit herausgerutscht ist nur Vizekanzler Hubert Gorbach. Er behauptet, dass für Investoren jetzt deshalb der richtige Zeitpunkt zum Einsteigen ist, "weil bis zur Liberalisierung des Postmarktes frühestens 2009 noch ausreichend Zeit ist". Deutlicher kann man gar nicht sagen, dass die Post in ihrem jetzigen Zustand nicht wettbewerbsfähig und daher auch keine attraktive Volksaktie ist. Ob ihm das wirklich klar war, als er die vermeintliche Jubelmeldung formuliert hat?

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