"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Post-Privatisierung steht unter keinem guten Stern" (Von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 12.01.2006

Graz (OTS) - Selbst der Finanzminister hat Bedenken, ob der Zeitpunkt gut gewählt ist: "Politisch wäre es wahrscheinlich sinnvoller gewesen, den Post-Börsengang schon 2005 und nicht jetzt, zu Beginn eines Wahljahres zu beschließen", sagte er zur Kleinen Zeitung.

Doch was soll die ÖVP machen, wenn sich der kleine Regierungspartner BZÖ aus wahltaktischen Motiven ausgerechnet in dieses Thema immer stärker verbeißt? Hätten Schüssel, Grasser & Co. die Koalition noch weiter belasten sollen?

Offenbar ist der größeren, derzeit sowieso mit viel bedeutungsschwangeren EU-Themen beschäftigten Regierungspartei gar nichts anderes übrig geblieben, als heute im Ministerrat, wenn auch mit erheblichem Bauchgrimmen, den Segen zur Post-Privatisierung zu geben.

Dass sie von Wählern dafür im Herbst bestraft werden wird, ist wohl keine gewagte Prognose mehr. Zu viele Bürger haben schon am eigenen Leib verspürt, was es heißt, wenn die Post zum Kostenrechner wird: In den letzten Jahren wurden tausende Jobs abgebaut, hunderte Postämter geschlossen, Dienstleistungen reduziert und die Service-Qualität allen Beteuerungen zum Trotz nur teilweise besser - im Vergleich zur Dienstbereitschaft in der nur vermeintlich viel schlechteren Ära früherer, ungetrübter Amtskappel-Mentalität.

Dass ein Post-Börsengang, der Aktionäre beglücken und die von der Politik gewünschte "Volksaktie" wahr werden lassen soll, noch mehr Druck erzeugt, den Rechenstift zu spitzen, ist wohl schon eine ökonomische Binsenweisheit. Die Folgen sind absehbar für eine Post, deren Geschäfte dank E-Mail statt Briefzustellung und privater, oft schlagkräftigerer Konkurrenz eher schrumpfen denn wachsen werden: Sie muss noch weiter abspecken und zusperren, wo keine ausreichende Rendite abfällt.

Auch wenn der Post-Vorstand wie zuletzt in einer Charme-Offensive durch die Lande tourt und Bürgermeistern Postamt-Sicherheit bis zumindest 2008 garantiert: Es wird bis dahin zwar keine Schließungswelle wie 2005 geben, als 310 Ämter gekappt wurden. Im Einzelfall werden die Schließungs-Skrupel sicher kleiner werden. Das will die Börse so, wird es heißen.

Ob die Aktie überhaupt erfolgreich wird - vermutlich wird sie schon aus Vorsicht billig verkauft -, ist auch sehr zweifelhaft. Arbeiterkammer, Sozialdemokraten und Postgewerkschaft werden wohl vieles tun, das Angebot schlecht zu reden. Ihr Einwand, die Börse käme für die Post viel zu früh , heißt ja nichts anderes als:
Börsenfit und dauerhaft profitabel schaut anders aus. ****

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